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Welt als Text (endless line 1.1), Konzeptkunst, Jahresausstellung der Jan van Eyck Akademie, 1999 von Gabriele Gramelsberger Text, also geschriebene Sprache, ist gerichtet. Ein Wort folgt dem anderen und während Du das liest, scrollst Du voran: Wort für Wort, Schritt für Schritt, Erkenntnis für Erkenntnis. Das ist die Dynamik der geschrieben Sprache und der Welt als Text, der Rhythmus der Leseweise. Fortschritt! Wenn Du das lesen willst, was ich schreibe, mußt Du entlang scrollen und Du weißt jetzt noch nicht, was ich weiter rechts geschrieben haben und was Du in drei Sekunden lesen wirst. Indem ich Dich direkt anspreche, simuliere ich Aktualität, doch tatsächlich ist das, was Du liest und gleich lesen wirst in der Vergangenheit geschrieben worden. Klar, beim zweiten Mal erinnerst Du dich vielleicht an manches und wirst es wissen, bevor Du es gelesen hast. Und je öfter Du es liest, desto mehr weißt Du was kommen wird, solange bis der Text dir vollkommen bekannt ist. So, und nun weißt Du auch, was ich weiter rechts geschrieben habe, doch nun ist es nicht mehr rechts von dir. Die Linearität, die sich aus der Gerichtetheit und der Dynamik der geschrieben Sprache ergibt, ist trügerisch. Kommt nämlich die Semantik ins Spiel, dann ist es nicht schwer, der Linearität ein Schnippchen zu schlagen: Indem man Inhalte erzeugt, die nicht mit der Zeitlichkeit und der Dynamik der geschrieben Sprache harmonieren. Auf diese Weise läßt sich Nicht-Linearität simulieren. Oder ist die Linearität hier die Illusion? Aber nein, Du scrollst voran und der Text ist eine ununterbrochene Linie. Du kannst anhalten, von rechts nach links scrollen, springen - aber dann kannst Du dem Text nicht mehr folgen. Ist der Text nun linear oder nicht? Und die Welt als Text? Ehe Du dich versiehst, hast Du dich in die Probleme der Philosophie verstrickt. Oder soll ich sagen verirrt? Aber nein, Du scrollst ja immer in eine Richtung. Alles ist geordnet in der Linie des Textes. Und trotzdem verstrickst Du dich immer weiter. Du willst dich nicht verstricken? Dann mach die Augen zu und scroll weiter. Gut so. Mogeln gilt nicht! Du bist verwirrt. Du machst die Augen auf. Ohne Linie ist es schwierig sich zu orientieren. Deshalb ist es nützlich, die Welt in geordnete Texte zu fassen. Es ist faszinierend, daß die zweidimensionale Linearität des Textes die Konstruktion kompliziertester Welten erlaubt. Und um Beweise für die Richtigkeit der Textwelten zu geben, werden Anker in die Welten geworfen, die außerhalb Halt sichern sollen. Um zu beweisen, daß die Welt existiert, fordere ich dich auf, deinen Kopf gegen den Monitor hier x zu stoßen. Dein Schmerz wird dich von der Schlagkräftigkeit des Beweises überzeugen! Dennoch besteht zwischen der Welt und der Welt als Text eine Lücke und dein Schmerz beweist gar nichts. Sag: Ist der Text in seiner Materialität Teil der Welt oder Teil des Textes? Springen wir nochmal zur Linearität zurück, wobei wir in Wirklichkeit nicht zurückspringen, sondern voranschreiten. Nun, viele glauben, daß der Hypertext nich-linear sei. Und Du?
© Gabriele Gramelsberger, Berlin 2010 |