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Computerexperimente,
Buchprojekte, 2008-2009
von Gabriele Gramelsberger



Seit der Einführung des Computers als Forschungs-, Experimentier- und Prognoseinstrument unterliegen die Wissenschaften einem tief greifenden Wandel, der nicht nur die Praktiken und Infrastrukturen wissenschaftlichen Arbeitens, sondern die Logik der Forschung grundlegend verändert. Neben Theorie, Experiment, Messung und Beobachtung eröffnet sich mit der Computersimulation (Computerexperimente auf Basis von Simulationsmodellen) ein neues Instrument der Wissensproduktion, das zunehmend an Einfluss gewinnt und die Wissenschaften in ‚Computational Sciences' transformiert. Die grundlegende Fragestellung der Bücher lautet daher: Wie verändern sich die Naturwissenschaften, wenn sich mit der Einführung von Computersimulationen ihre Experimentalkultur verändert?

Die Analyse von Simulationsbeispielen aus verschiedenen Disziplinen zeigt, dass sich eine Vielzahl von Simulationsarten und Simulationsstilen entwickelt. Von einer standardisierten Methode der Computerexperimente kann bislang noch nicht die Rede sein. Ähnlich der Astronomie, die als Leitdisziplin den Übergang von der mittelalterlichen zur neuzeitlichen, instrumentenbasierten Forschung gestaltete, übernimmt heute die Klimaforschung - mangels realexperimenteller Möglichkeiten sowie des gesellschaftlichen Drucks von Außen - die Vorreiterrolle in der Etablierung simulationswissenschaftlicher Standards. Durch die internationale Koordinierung (IPCC) entsteht eine bislang einzigartige Infrastruktur der Entwicklung, des Vergleichs und der Evaluation von Simulationsmodellen und Computerexperimenten. Die Frage nach dem Status von Simulationswissen tangiert den epistemischen Kern des aktuellen Wandels der Wissenschaften: Welche Art von Wissen wird auf Basis von Computerexperimenten generiert? Wie verlässlich ist dieses Wissen, das in Form von Prognosen mittlerweile einen großen sozio-politischen Einfluss hat? Handelt es sich dabei noch um ‚wissenschaftliches Wissen'?

Diese Fragen, die aktuell in vielfältiger Weise und in unterschiedlichen Diskurszusammenhängen diskutiert werden, dokumentieren, dass unser bisheriges Verständnis moderner, empirischer Wissenschaft herausgefordert wird. Die mit den Computerexperimenten generierten ‚in-silico Welten' zeichnen sich durch einen artifiziellen Charakter aus, wie er für die Naturwissenschaften neu ist. Die epistemische Rechtfertigung von Simulationsresultaten wie auch die Konstruktion von wissenschaftlicher Objektivität sind durch den artifiziellen Charakter der Computerexperimente neuen Bedingungen unterworfen, die - ähnlich den Entwicklungen im 17. Jahrhundert - wissenschaftliche Erfahrung neu bestimmen.


Forschungshintergrund der Bücher

- Die grundlegenden Forschungen zu diesen Publikationen entstanden im Rahmen des wissenschaftsphilosophischen Forschungsprojekts "Computersimulationen - Neue Instrumente der Erkenntnisproduktion" (Fallstudien: Klimaforschung, Zellbiologie), eines von zwölf Forschungsprojekten der BMBF Wissenschaftsforschungsinitiative "Science Policy Studies" (Koordination der Initiative: Berlin-Brandenburger Akademie der Wissenschaften 2004 bis 2007, Steuerungsgruppe der Initiative: Peter Weingart, Renate Mayntz, Ulrich Wengenroth, Friedhelm Neidhardt; Institution: FU Berlin, Institut für Philosophie, Lehrstuhl Sybille Krämer). »Computersimulationen
- Gramelsberger, G.: Computerexperimente. Zum Wandel der Wissenschaft im Zeitlater des Computers, Transcript: Bielefeld, 2010

- Durch die Zuerkennung des Blankensee-Colloquiums 2007 durch die Präsidenten der Berliner Universitäten und Akademien, konnten die Forschungsergebnisse im September 2007 mit internationalen Experten diskutiert werden (u.a. mit Alan Gara, Chefentwickler des IBM Supercomputers BlueGene; Thomas Lippert, Direktor des Zentrums für Angewandte Mathematik Jülich; Johann Feichter, Arbeitsgruppenleiter Wolken/Aerosole des MPI für Klimaforschung Hamburg; Sybille Krämer, Institut für Philosophie der FU Berlin, Claus Pias, Institut für Philosophie der Universität Wien; David Grier, IEEE Chief Editor History of Computing, Ulrich Wengenroth, Geschäftsführer des Münchener Zentrums für Wissenschafts- und Technikgeschichte). »Blankensee-Colloquium
- Gramelsberger, G. (Hrsg.): From Science to Computational Sciences. Studies in the History of Computing and its Influence of Todays Sciences, diaphanes: Zuerich Berlin, Frühjahr 2010

- Darüber hinaus konnten 2008 die Ergebnisse des Projekts durch ein siebenmonatiges Forschungsstipendium des Max Planck Instituts für Klimaforschung in Hamburg durch den Austausch mit Klimaforschern vertieft werden.
- Gramelsberger, G./Feichter, J. (Hrsg.): Climate Change and Policy. The Calculability of Climate Change and the Challenge of Uncertainty, Springer: Heidelberg, Sommer 2010
- Das Problem der Wetter-/Klimavorhersage, betrachtet vom Standpunkt der Philosophie, der Medien- und Bildwissenschaften, Workshop, MPI Hamburg, 08.04.2008 »Workshop





© Gabriele Gramelsberger, Berlin 2010