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Nervöses Lavieren am Rande des Sinns - Poetische / Artistische Philosophie, Konzeptkunst, Jan van Eyck Akademie, 1998 - 1999 von Gabriele Gramelsberger Nervöses Lavieren am Rande des Sinns Hier sitze ich, den Kopf in die Hände gestützt, am Küchentisch und versuche meinem Gegenüber das Dilemma klar zu machen. Denn ein Dilemma ist es zweifelsohne, an dem ich laboriere: Pathetisch und hingebungsvoll, lustvoll lavierend, anders läßt es sich kaum beschreiben, auf dem noch verworrenen Weg zu neuen Gefilden. Darum geht es. Klarheit, so belehre ich mein Gegenüber, ist das Ziel aller Theorie, das wußte schon Descartes, und Aufgabe philosophischer Schulung ist die Pirsch an den theoretischen Gegenstand im grellen Lichte wissenschaftlichen Arbeitens. Unter vorgegebenem Blickwinkel im Bewußtsein der gängigen Literatur seziert man das betreffende Objekt, um es dann mit dem eigenen theoretischen Kit versatzstückweise wieder zusammenzuleimen. Ein schlichtes Handlungsmuster, effektiv aber literarisch gesehen tröge, konstatiere ich. Theoretische Texte sind nach institutionalisiertem Stil streng komponierte Epen, die belegte Aussagen und Fakten, belehrte Zitate relevanter Quellen und Literaturen, Thesen und Gegenthesen geschickt verweben, so daß sie den Eindruck vermitteln, dem geneigten Leser ein klares und deutliches Bild des analysierten Gegenstandes vor Augen zu führen - in explikativer wie definitiver Weise. Ein deutliches Bild solange, bis ein anderer Text das Gegenteil referiert. Doch das, so seufze ich, ist nicht mein Problem. Nicht die stilistische Enge treibt mich aus der Theorie, vielmehr ist es die Art der Betrachtungsweise: Die direkte Auseinandersetzung mit dem Thema, die scheinbar objektivierende Distanz und Nüchternheit und schließlich die endlose Rezitation sogenannter gängiger Literaturen, die wiederum endlose Rezitationen ihrer- und andererselbst sind. Theoretische Anämie und das Leben zieht vorbeit, das ist so klar wie deutlich. Aber, rufe ich erregt, es gibt da vielleicht einen Ausweg, ein Licht am Horizont: Geschichten! Geschichten statt Theorie. Erzählen statt analysieren, diskutieren, resümieren. Wirkliches Schreiben. Da wird mir ganz bang ums analytische Herz bei soviel theoretischer Insolvenz. Mein Gegenüber lächelt - milde. Wirkliches Schreiben, setze ich an zu erklären, stelle ich mir als etwas Kreatives, Authentisches vor, als etwas Ungebundenes, als etwas, über das ich selbst nach Belieben verfügen kann mit unzensierter Lust am Fabulieren. Das Wirkliche scheint mir in der Freiheit zu liegen. Das meine ich, sage ich, mit Geschichtenschreiben über Dinge die mich interessieren. Und so ergehe ich mich im Theoretisieren über das Schreiben und mein Gegenüber erkennt mein Dilemma, in dem ich stecke, sieht den verworrenen Weg auf dem ich torkle, um an einen Punkt zu gelangen, von dem aus ich endlich anfangen könnte mit dem Schreiben, wenn mir den klar wäre was ich mit Schreiben meine, schlägt die Hände über den Kopf zusammen und meint ich solle einen Text darüber schreiben - theoretisch oder literarisch, das sei ihm egal. - Interferenzen zwischen anthropotechnischen Räumen und den Sphären des Theoretischen »Interferenzen Poetische / Artistische Philosophie Manifest (Drahtseilakt auf der syntaktischen Linearität der Worte) Die artistische Philosophie ist ein Drahtseilakt auf der syntaktischen Linearität der Worte. Die Reihung erst schafft die semantische Freiheit: Sie erzeugt Sprünge, Cluster und Strukturen. Dort, wo die artistische Philosophie die Reihung durchbricht, tut sie das gewillt und vorsichtig und ist sich der Folgen bewußt. Einen produktionstechnischen Bruch der Reihung, beispielsweise im Buch, lehnt sie auf Objektebene ab. Lediglich Metatexte wie dieser passen sich der text(um)brecherischen Gewohnheit an. Die artistische Philosophie fordert: - Wörter sind das Material! (Ähnlich der Farbe als Material der Malerei.) - Aspekte der Materialität als poietisches und poetisches Prinzip - Wort-Spiel statt belehrender Reproduktivität - Erforschung der visuellen, musikalischen und performativen Wortaspekte - Interaktion mit Leser/ Hörer/ Betrachter - Authentizität und Autonomie der Worttexte - Allgemeinverständlichkeit und Nachvollziehbarkeit auf der expliziten Ebene - Bezüge/ Zitate als implizite Andeutungen - Übergänge zur Kunst, Musik, Literatur, Poesie - Aktuelle und alltäglich-basale Thematiken - Sukzessive Entfaltung der logischen Strukturen - Aufführung statt Publikation der Worttexte Produktionsmittel (Die pure Materialität der Worte) Vielleicht hatte Sokrates recht als er vor der Schriftlichkeit warnte und das Ende der Philosophie war schon vor Jahrtausenden besiegelt. Schrift als Produktionssystem tendiert dazu Meinungen zu zementieren und sich dann die Köpfe an den Mauern wund zu schlagen. Die Autorität des Autors verhindert, wie Locke zu Beginn der Gutenberg-Galaxie befürchtete, das eigenständige Denken. Schwarz auf Weiß ist allemal mehr wert, denn die Philosophie ist ein Gewebe aus Zitaten. Heute liegt die Bedeutung eines Denkers in seiner Zitierquote. An diesem Gewebe mitzuwirken ist ein Zweck der Philosophie, doch hat sich dieser zu einem Aktionismus entwickelt, der weniger dem Faden als der Tatsache, sich als fleißiger Stricker auszuweisen gilt; was auch immer da verwoben wird. Das Weben scheint sich zum Selbstzweck zu emanzipieren und es steht zu hoffen, daß hier die Philosophie nicht zu sich selbst findet. Die Philosophie ist wie andere Künste auf ihr Material angewiesen. Und sie geht damit inflationär um. Ihr Material sind die WORTE, ob gedacht, gesprochen oder geschrieben. Worte sind demokratisch und tendieren zur anarchischen Poiesis, weswegen die Philosophie auch Probleme mit der sogenannten normalen Sprache hat. Ohne Worte ist die Philosophie nichts, mit Worten nicht unbedingt alles. Diese Platitüde deutet das Problem an. Die Worte sind das Elixier der Philosophen, doch hemmungslose Wortproduktion oder -reproduktion schafft keine Verjüngung. Begriffsdogmatiker versuchen auf ihre Weise einzudämmen, in der Hoffnung eine exakte Wissenschaft zu proklamieren. Anämie stand der Philosophie jedoch noch nie gut zu Gesichte, Kennerschaft der Worte schon eher. Nietzsche hat darauf hingewiesen, daß dies kein eiliges Geschäft sei, und Wittgenstein darauf, daß das Potential im aufmerksamen Gebrauch liege. Die Philosophie ist im Eigentlichen der Kunst näher als der Theorie und sie ist ein poietischer wie poetischer Prozeß. Die akademische Gefangenschaft der Philosophie besteht in der Einseitigkeit der Materialverwendung und deren übereffektive Produktionsweise. Das Material ist einseitig strapaziert. Welt als Text / endless line (Linearität) Die Linearität der endless line, die sich etwas unterhalb der Augenhöhe des Lesers entlang einer Wand darstellt, ist ein hervorragendes Produktionsmittel, um artistisch-philosophische Worttexte zu präsentieren. Die Linearität der Syntax, der der Leser Schritt für Schritt folgen muß, erlaubt es, die Freiheit der Semantik in einem Wortspiel zu entfalten. Die Endlichkeit der Syntax wird durch die Unendlichkeit der Semantik überwunden. »Welt als Text (endless line 1.1) Samples / Archive (Indexierung) Das Archiv als Ort der Präsentation und Re-Präsentation, der Dinge und der Ordnung der Dinge, der Objekte und ihrer Beschreibungen, ist eine Ort der dokumentierten Welteinverleibungs-Bemühungen. Herbarien beispielsweise klassifizieren die Pflanzenwelt anhand exemplarischer Beispiele, indem sie deren Individualität in einen generellen semiotischen Status überführen. Existiert etwas außerhalb des Klassifizierten? Sicherlich, doch nur wenn wir es jeweils erkennen und dann sofort klassifizieren, wissen wir es sicher. Gibt es Archive, die Dinge präsentieren deren Ordnung von den Benutzern temporär und individuell geschaffen werden kann? (Das Internet ist vielleicht momentan noch in diesem Zustand, obgleich Suchmaschinen schon gewissen Strukturen vordefinieren.) Worte fixieren Welt, indem sie so und so gebraucht werden und eine Struktur weben, die das Objekt dann auffassen/ ummanteln kann. Beschreibungen! Gibt es außerhalb der Worte eine un-fixierte Welt, die sich den Worten und ihrem Beschreibungsdrang entzieht? Musik, Gefühle, Bilder, Erfahrungen - bis zu einem bestimmen Grad. Gibt es ein Archiv der un-fixierten Welt? Welche Rolle spielen die Worte? Die Materialität eines Archives unterscheidet sich von Texten. Letztere zeichnen sich durch Linearität aus, erstere durch eine Verweisungsstruktur/ Notation. Notationen besitzen die besondere Eigenschaft Brücken zu nicht-symbolischen Bereiche zu schaffen (Chemie, Musik, Zettelkästen der Archive oder Bibliotheken). Notational verwendete Worte verfügen durch ihren indexikalischen Charakter über ein Aktionspotential im Sinne von Handlungsanweisungen. - Raum - Textur -Sprache (Raumgrammatik) »Raum - Textur -Sprache © Gabriele Gramelsberger, Berlin 2010 |