![]() artikel, projekte, events |
|
Raum - Textur - Sprache, Vortrag, Deutsche Bibliothek Frankfurt, 21.10.1999 von Gabriele Gramelsberger Der Raum ist die zweidimensionale Ebene des Papiers, die Textur die lineare Abfolge der Zeichen, die Sprache ist das was sich auf der Ebene in der Abfolge entfaltet: geschrieben Sprache, Text! Im Allgemeinen vernachlässigen wir den Raum und die Abfolge und konzentrieren uns auf die Inhalte, die im syntaktischen Gewebe durch unser Lesen - also durch unsere Projektion von Bedeutungen auf graphische Gestalten - für einen Augenblick aktualisiert werden, gleich Elevationen aus Zeichenfolgen. Lese- und Schreibschulung normieren unseren Umgang mit solchermaßen geschrieben Texten: von links nach rechts, von oben nach unten! Dies geschieht jetzt, während Du den Text liest! Raum Die Überwindung der zweidimensionalen Ebene des Papiers, die Überwindung der Flachheit liegen in der Verwendung der Oberflächen dreidimensionaler Raumstrukturen. Gerade, gebogene, unregelmäßige Oberflächen; schmale, hohe, konvexe Körper; massive Wände; runde Säulen; Fassaden; Objekte. Körper nehmen Raum ein und ihre Oberflächen generieren die Schnittstelle zwischen dem, von den Objekten okkupierten und dem, für die Leser begehbaren Raum der Wahrnehmung. Textur Die Textur der Zeichen folgt der räumlichen Struktur der Oberfläche. Dabei kann die inhärente Linearität der Zeichenfolge überwunden werden, ohne diese zu zerbrechen. Linearität ist ein fragiles Geschäft und sicherlich am einfachsten auf der flachen Ebene des Papiers zu tätigen! Obwohl bereits die Endlichkeit des Papierbogens einer Simulation von Linearität als Textfluß bedarf. Die Textur der Zeichen besetzt Raum auf der Oberfläche der Körper, schmiegt sich wie Gewebe seiner räumlichen Gestalt an. Als Textur gehören sie der Welt der Körper an, als Text der Welt in unseren Köpfen. Diese Differenz zwischen Textur und Text, Syntax und Semantik, Material und Bedeutung markiert den ambiguen Charakter der Schnittstelle. Sprache Sprache, geschriebene Sprache, Text ist das, was wir in unseren Köpfen entfalten, wenn wir mit dem Vorgang des Zuhörens oder Lesens beschäftigt sind. Linearität auf dreidimensionalen Körpern angebracht wird von der Gestalt der Oberfläche modelliert: Raumgrammatik! Welche Implikationen hat die Logik der Raumstruktur auf den Text als sinnstiftende oder paradoxe Beeinflussung der Semantik? Artistische Philosophie Raum, Textur und Sprache sind die Themen der artistischen Philosophie. Philosophie meint die Betrachtung des Alltäglichen aus einer unerwarteten Perspektive mit dem Ziel des Verstehens. Artistik meint die Kunst, die einer außerordentlichen [körperlichen] Geschicklichkeit bedarf. Artistische Philosophie meint das Jonglieren mit der Differenz zwischen Textur und Text im nulldimensionalen Raum der Schnittstelle, meint den Drahtseilakt auf der syntaktischen Linearität der Worte, meint die Entfaltung der Raumgrammatik beschrifteter Körper. Obwohl Arbeitsweisen der Bildenden Kunst verwendet werden, ist das Anliegen der artistischen Philosophie ein philosophisches: die praktische Erforschung von Textstrukturen, die Raum, Textur und Sprache unter neuen Aspekten im Betrachter synchronisieren. Raum - Textur - Sprache : Artistische Philosophie Dreidimensionaler Raum, Textur der linearen Schriftzeichenfolgen und Sprache als geschriebene Sprache, also Text dessen Bedeutung sich in den Köpfen der Leser entfaltet, sind die Themen der artistischen Philosophie. Philosophie meint die Betrachtung des Alltäglichen aus einer unerwarteten Perspektive mit dem Ziel des Verstehens. Artistik meint die Kunst, die einer außerordentlichen [körperlichen] Geschicklichkeit bedarf. Artistische Philosophie meint das Jonglieren mit der Differenz zwischen Textur und Text im nulldimensionalen Raum der Schnittstelle zwischen Körperoberfläche und Wahrnehmungsraum, meint den Drahtseilakt auf der syntaktischen Linearität der Worte, meint die Entfaltung der Raumgrammatik beschrifteter Körper. Obwohl Arbeitsweisen der Bildenden Kunst verwendet werden, ist das Anliegen der artistischen Philosophie ein philosophisches: die Erforschung von Textstrukturen, die Raum, Textur und Sprache unter neuen Aspekten im Betrachter synchronisieren. Praktisch geschieht dies durch die Überwindung der flachen Ebene des Papiers und der Beschriftung von Oberflächen dreidimensionaler Körper. Die grundlegende Frage dabei ist: Welche Implikationen hat die Logik der Raumstruktur auf den Text als sinnstiftende oder paradoxe Beeinflussung der Semantik? - Nervöses Lavieren am Rande des Sinns - Poetische / artistische Philosohpie, Konzeptkunst, Jan van Eyck Akademie, 1998 - 1999 »Artistische Philosohpie © Gabriele Gramelsberger, Berlin 2010 |