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Über die Evolution einer hypermedialen Norm der Sprache, Vortrag, 1. Hamburger Workshop "Philosophie und Internet" am 22.2.97, PhilNet Universität Hamburg von Gabriele Gramelsberger Die Norm der Sprache evolviert von einer gesprochenen, über eine geschriebene, aktuell zu einer hypermedialen. Das Internet trägt im Reigen der Neuen Medien einen wichtigen Teil dazu bei. Angeregt von Platons Kritik einer literalen Kultur oder Lockes Kritik des Buchdrucks, lassen sich philosophisch motivierte Überlegungen für die Neuen Medien herleiten und weiterführen. Neue Medien - Internet: Hypermedium der Zukunft Mit Neuen Medien sind computergestützte Medien gemeint: Internet, Computersimulationen, Cyberspace. Die globale Vernetzung immer leistungsfähigerer Computer gestaltet das Internet zum Hypermedium der Zukunft, insofern der Zugriff auf multimedial präsentierte Informationen unabgängig vom Ort durch ein Medium möglich ist. Die Universalität des digitalen Codes erlaubt die intermodale Übersetzung der Daten in Bild, Ton, Zahlen- oder Symbolfolgen. Das Neue und Gewöhnungsbedürftige des Web liegt darin, wie Pierre Lévy schreibt, daß sich alles "auf der gleichen Fläche [bewegt]. Deswegen ist alles differenziert." Die globale Matrix digitaler Lokationen erfordert Interaktionsstrukturen, die menschliche Umwelterfahrungen für die skaleninvarianten Räume adäquat umsetzen. Die aktuelle Dominanz des Internet als (Hyper)-Textmedium verschiebt sich vor allem durch die World Wide Web Oberfläche in Richtung Bild und Ton. Die Orientierung im Netz wird zunehmend visuell geleitet, und dreidimensionale Netzstädte und Marktplätze definieren die Raum- und Zeiterfahrung neu. Dabei werden die virtuellen Räume zu Weltausschnitten verschachtelt und die Verfügbarkeit von globalen Informationen wird zu Gleichzeitigkeits-Plateaus integriert. Beispiele sind Telepolis (http://www.inm.de/people/alba/telepolis.html) oder Skylink (http://www.inm.de/people/bernhard/skylink.html). Computergenerierte Welten weisen der Sprache zur Gestaltung wie Orientierung eine ausgezeichnete Position zu. Die Zeichen, Träger sprachlicher Bedeutungen, werden zu Anzeichen in zweifacher Hinsicht: Als Hyperlinks mit direkter Wirkung und als numerisch simulierte Strukturen. Während Anzeichen im ersteren Sinne, neben ihrer referenzialen Zeichenfunktion, die Navigation durch die Internetdokumente ermöglichen, leisten sie im letzteren Sinne, neben ihrer Darstellungsfunktion, als Indizien für kausale Effekte eine computerinterne Modellverfikation. Hypermediale Norm der Sprache: Ausgend von der Medialität kommunizierter Sprache - Schall, Schrift, Computersymbolik - wird die These Florian Coulmas - "Denn als geschrieben Sprache gewinnt jede Sprache eine neue Qualität, neben der gesprochenen Norm entwickelt sich auch eine geschriebene, die von jener systematisch verschiedene Eigenschaften aufweist." - ins Hypermediale weitergeführt. Im Vergleich zur Linearität geschriebener Sprache, ermöglicht eine hypermedial transportierte Sprache die Verweisungsstruktur der Hyperlinks. Die Kopplung von Texten mit Hilfe spezifizierter Anzeichen erlaubt die interaktive Lesart der Textformationen. Der Rezipient wird innerhalb eines erstellten Textes zum Co-Autor, der über die Selektion und Gestaltung der Präsentation entscheidet. Eine hypermedial umgesetzte Sprache ermöglicht es auch, Bilder und Töne "sprechen" zu lassen. Die Universalität des digitalen Codes bildet die Basis für intermodale Übersetzungsprogramme. Töne sind als Bilder, Bilder als Texte, Texte als Zahlenfolgen darstellbar und umgekehrt. Damit erweitert sich der Darstellungsbereich der Sprache bzw. die Digitalisierung führt zu einer "Versprachlichung" von Bild, Laut und Zahl. Die medienintegrierende Funktion der Computer, wie Wolfgang Coy schreibt, ist - sieht man hinter die multimedial-designte Oberfläche - zudem eine sprachgenerierte und sprachgenerierende. Computergenerierte Welten sind Sprachwelten. Philosophisch motivierte Überlegungen zu den Neuen Medien: Die Medienkritik ist fast so alt wie die Philosophie selbst. Platon steht der mnemotechnischen Funktion der Schrift skeptisch gegenüber, denn Wahrheit als innermenschliche Eigenschaft kann für ihn nicht nach Außen transferiert werden. "Denn diese Erfindung wird die Lernenden in ihrer Seele vergeßlich machen, weil sie dann das Gedächtnis nicht mehr üben; denn im Vertrauen auf die Schrift suchen sie sich durch fremde Zeichen außerhalb, und nicht durch eigene Kraft in ihrem Inneren zu erinnern. ... Deinen Schülern verleihst du aber nur den Schein der Weisheit, nicht die Wahrheit selbst." (Platon) Die Autorität des Wissens wird nach Außen verlegt und festgeschrieben, einige Jahrhunderte später zudem zwischen Buchdeckel geklemmt. Für Empiristen wie John Locke, der die offene und dynamische Generierung von Wissen durch Erfahrung propagiert, ein Unding, 'verhindere die Autor-ität die freie Zirkulation des Wissens'. Mit Nelson Goodman ließe sich die moderne Wissensakquisition als medienmodellierte Lesbarkeit der Welt beschreiben. Die Überantwortung innermenschlicher Wahrheitskriterien auf die (scheinbare) Objektivität medientransportierter Informationen, dient als Beispiel neuzeitlicher Externalisierung der Wissensgenerierung und Wahrheitsüberprüfung. Solange Massenmedien wie Rundfunk und Fernsehen ein glaub- bis fragwüdiges Objektivitätsmonopol konkurenzlos beanspruchen können, mag diese autorisierte Externalisierung funktionieren. Im Falle des Internet als (teilweise noch) individualisiertes Medium wird ein solcher Automatismus bzw. Autorität problematisch. Dies ist eine durchaus sympathische Folge, die jedoch hohe Anforderungen an die "innermenschliche" Überprüfung von Wahrheitsgehalten stellt. Damit wird auch die unidirektionale Beziehung zwischen Autor und Leser dynamisiert. Die bereits weiter oben beschriebene Co-Autorschaft des Rezipienten bietet im Vergleich zur Buchkultur einen andersartigen Umgang mit Texten. Abel, G.: Sprache, Zeichen und Interpretation, 1995, S. 278, in: Lenk, H.: Neue Realitäten Herausforderungen der Philosophie (16. Deutscher Kongreß der Philosophie 1995), Berlin 1995 Coulmas, F.: Über Schrift, Frankfurt 1981 Coy, W.: Gutenberg & Turing. Fünf Thesen zur Geburt der Hypermedien, in: Zeitschrift für Semiotik, Bd. 16, 1-2/1994, S. 69 - 74 Goodman, N.: Weisen der Welterzeugung, Frankfurt 1984 Großklaus, G.: Medien-Zeit, Medien-Raum, Frankfurt 1995 Lévy, P.: Cyberkultur. Universalität ohne Totalität, in: Telepolis Die Zeitschrift der Netzkultur 0/1996, Mannheim, S. 5 - 33 Platon: Meisterdialoge, Zürich 1974 © Gabriele Gramelsberger, Berlin 2010 |