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Berechenbare Zukünfte - Computer, Katastrophen und Öffentlichkeit.
Eine Inhaltsanalyse futurologischer und klimatologischer Artikel der Wochenzeitschrift "Der Spiegel",
in: CCP Communication Cooperation Participation, E-Journal für nachhaltige gesellschaftliche Transformationsprozesse, Universität Lüneburg, CPP 1/2007: 28-51
von Gabriele Gramelsberger



(Textauszug)
Die Zukunft vorhersagen zu können, ist ein alter Traum der Menschheit, der in Form berechenbarer Zukünfte Mitte des 20. Jahrhunderts in verlockende Nähe rückt. Eingebettet in den Rahmen eines deterministischen Systemdenkens entwickelt sich seit den 1950er Jahren ein Planungs- und Prognosedenken, das in eine Flut von Vorhersagen für die nächsten zehn bis fünfzig Jahre mündet. Beginnend mit Fragen der Bevölkerungsentwicklung, der Stadt- und Verkehrsplanung, widmet sich die Zukunftsforschung bald komplexeren Themen wie der Rohstoffverknappung, des menschlichen Einflusses auf das Ökosystem der Erde, der wirtschaftlichen und technologischen Entwicklung im Zeichen des Fortschrittdenkens sowie der sozialen und kulturellen Veränderungen im Rahmen der zunehmenden Technologisierung des Alltags. Einen ersten Höhepunkt findet die neue Wissenschaft der Futurologie Anfang der 1960er Jahre, auch in den Medien.

Robert Jungks Buch "Die Zukunft hat schon begonnen" 1955, Serge Brombergers futurologische Artikelserie in Le Figaro Anfang der 1960er Jahre, Bertrand de Jouvenels Fallstudien ab 1961 unter dem Motto Futuribles, die 1965 in den USA gegründete Commisssion on the Year 2000 und schließlich verschiedenste Zukunfts-Kongresse wie "Der Mensch und seine Zukunft" in London 1962, markieren den Auftakt zu einer umfassenden Beschäftigung mit extrapolierbaren und berechenbaren Zukünften der Menschheit. In einem Überblicksartikel von 1965 pointiert der Spiegel diese Entwicklung treffend: "An der Schwelle zum dritten Drittel des 20. Jahrhunderts scheinen die Menschen sich dessen bewusst zu werden: Wie nie zuvor häufen sich in der jüngsten Zeit Versuche, mit spielerischer Phantasie und nüchternem Kalkül die Welt von morgen zu erschließen." ("Menschheit. Todlos glücklich", Spiegel, 53/1965, 80-90: 80) Zwischen 1965 und 1975 spiegelt sich die zunehmend Reflexion des anthropogenen Einflusses auf die Umwelt in den futurologischen Themenartikel der Wochenzeitschrift wieder. In dieser Zeit löst sich der Diskurs von literarisch motivierten Intuitionen über die Zukunft a´ la Jules Verne oder Edward Bellamy und gestaltet sich zu einer ernsthaften Zukunfts- oder Prognoseforschung mit eigens gegründeten Instituten und Abteilungen in Industrieunternehmen - z.B. Gründung des Centre International de Prospective 1957 in Paris, der Gesellschaft für Zukunftsforschung e.V. Anfang 1960er in Hamburg, der Rand Corporation 1948 und des Institute for the Future 1967 in den USA - mit einer Palette an futurologischen Methoden und Systemtechniken sowie medienwirksamen Protagonisten wie Robert Jungk, Herman Kahn oder Bertrand de Jouvenels.

Zwei Tendenzen lassen sich in der futurologischen Bewegung aufzeigen, die später für die öffentliche Klimadiskussion von entscheidender Bedeutung werden, insofern "Klima" ab den 1970er Jahren zum Inbegriff berechenbarer Zukunftsszenarien wird, wenngleich sich das simulierte Klima recht widerspenstig zeigt. Zum einen die zunehmende Selbstreflexion des menschlichen Einflusses auf das Ökosystem der Erde und zum anderen die Lagerbildung in restaurative Zukunftsoptimisten und systemkritische Pessimisten, deren Kassandra-Rufe Anfang der 1970er Jahre mit den beiden ersten Berichten des Club of Rome "Limit of Growth" (MIT-Studie von Forrester/Meadows 1972) und "Menschheit am Wendepunkt" (Mesarovic/Petsel 1974) den Höhepunkt futurologischer Zukunftsszenarien darstellen. Das Bewusstsein über die anthropogene Wirkung des Menschen als Umweltfaktor sowie die Katastrophenmetapher zur Bewertung dieses Einflusses haben hier ihren Ursprung. Aber auch das Bewusstsein über die Auswirkungen von Planungsfehlern und überhaupt der Bedarf nach rationaler Planung dringen in den 1960ern in das öffentliche Bewusstsein. "Giftige Smog-Schwaden über London und dem Ruhrgebiet, das Fischsterben in Rhein und Mississippi, die breiige Zersiedlung der Millionenstädte wie Los Angeles und das tägliche Verkehrschaos am Münchner Stachus machen die Folgen mangelnder Zukunftsplanung deutlich. Doch solche gravierende Planungsmängel der Vergangenheit scheinen gering, verglichen mit den Entscheidungen, denen sich die Futurologen heute gegenüberstehen. … An der Schwelle zum 21. Jahrhundert verfügt der Mensch wie nie zuvor über die Macht, seinen Planeten nach eigenem Willen zu gestalten. Und mehr: Zum erstenmal in seiner Geschichte ist er im Begriff, die Fortentwicklung seiner eigenen Spezies zu steuern." ("Menschheit. Todlos glücklich", Spiegel, 53/1965, 80-90: 82) Die Prognosetechniken reichen dabei von einfachen, meist linearen oder exponentiellen Extrapolationen, Korrelationsanalysen, normativen Prognosen in Form von Warnungen oder Werte basierten Patten-Systemen, Experten-Befragungen (z.B. Delphi-Methode), Szenariotechniken bis hin zu komplexen Systemtechniken. Im Laufe der Zeit verliert die Futurologie jedoch als Wissenschaftsfeld an Relevanz, gewinnt aber um so mehr als allgegenwärtige Planungs- und Prognosepraktik an Bedeutung. Bis heute entwickelt sie sich als ein wachsender Anwendungs- und Dienstleistungsbereich an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Industrie und Politik. Prognosen, Trendanalysen, Designstudien und Technical Road Maps sind gängige Verfahren, deren schillerndste Version bis zur Marketing intendierten Futurologie einer Faith Popcorn Ende der 1980er Jahre reicht: "'Die Futurologie', bedauert die London Times, habe sich 'zu einem kommerziellen Blick in die Kristallkugel gewandelt.'" ("Zukunftsforschung. Mild bekifft. Das Geschäft mit Zukunftsprognosen boomt - die Trendforschung liegt im Trend", Spiegel, 12/1992, 264-267: 265) ...

- Online-Version des Artikels unter: »Berechenbare Zukünfte (CPP 1/2007)


Vorträge und Publikationen zum Thema:

- Gramelsberger, G.: "Die numerische Expertise der Automatenhirne. Rationale Prognostik und Computermodelle", in: Heinrich Hartmann, Jakob Vogel (Hrsg.): Prognosen. Zukunftswissen und Expertise in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, Campus: Frankfurt 2009: 213-230
- "Die rationale Prognostik numerischer Simulationen", Vortrag zum Workshop "Prognosen. Zukunftswissen und Expertise in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft", Centre Marc Bloch, FU Berlin, 28.-29.02.2008
- "42 - Der Wahn der rationalen Prognostik", Vortrag zur Medientagung "HyperKult 15: Modelling & Simulation", Universität Lüneburg, 13.-15.07.2006
- Gramelsberger, Gabriele: "Berechenbare Zukuenfte - Computer, Katastrophen und Oeffentlichkeit. Eine Inhaltsanalyse futurologischer und klimatologischer Artikel der Wochenzeitschrift Der Spiegel", in: CCP Communication Cooperation Participation, E-Journal fuer nachhaltige gesellschaftliche Transformationsprozesse, CPP 1/2007: 28-51
- "Calculable Future - Computer, Catastrophes and the Public", Vortrag zum Workshop "The Role of the Media for Human-Environment Interaction and Sustainable Development", Universität Lüneburg, 21.-22.06.2006


© Gabriele Gramelsberger, Berlin 2010