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Über die Welthaltigkeit im Partikel,
in: Hergenhahn, Hermelinde: "Critical Nearness", Maastricht 2000 (Künstlerbuch)
von Gabriele Gramelsberger



Über die Welthaltigkeit im Partikel .1
Wenn Dr. D. nach seiner Scheidung den alles entscheidenden Blick tätigt, dabei an sein Leben denkt, das doch so schnell vergangen ist, dann übt er sich in jenem seltenen Moment der Selbsterkenntnis, der zugleich Welterkenntnis ist - und ach so menschlich, all zu menschlich einen Blick eröffnet auf uns - und dennoch nur einen kurzen Augenblick, einen winzig kleinen Ausschnitt aus unserem Leben - der Pathetische würde sagen Leiden -, eine kurze Sekunde, ach was Nanosekunde, wie eingefroren in der Zeit, scheinbar für eine ganze Ewigkeit, und dennoch oftmals schneller als der Flügelschlag des Kolibri vergehend, freigibt, freigibt auf uns und die Welt und den Moment in der Zeit, den es einzufangen gilt von jenen Sensiblen, die die Gabe haben sich nicht von den groben Rastern der Hektik, der Medienbilder oder sonstiger Ausgebürte des Oberflächlichen bannen, gleichsam einfangen und für immer - oder doch auf länger - der Mode sowie den Normalitäten und Banalitäten, den Aktualitäten und Sensationalitäten, die unseren Blick bestimmen, ihn trainieren gleich Pavlov´schen Konditionierten, anheimfallen zu lassen, denn es bedarf großer Blickschärfe und fast schon altmodischer Prinzipien im Umgang mit den Phänomenen - vollkommen unökonomisch im Zeitverhalten, wenig subsumierend, dafür umso mehr reflektierend -, um solche Meisterschaft zu entfalten, und glücklich ist dann noch Jener oder Jene, dessen Hand, Bote der blickgeschärften Szenerie, dieselbe treffsicher auf´s Papier bringt, treffsicher im Strich, in der Kontur, in der Gestalt, um uns, die wir es kaum wagen etwas nah, kritisch nahe, an uns herantretenzulassen, in Verbindung zu bringen mit den Momenten der Selbsterkenntnis, die zugleich Welterkenntnis sind - und ach so menschlich, all zu menschlich den Blick freigeben auf uns selbst und unsere Ungeduld und unser Unverständnis gegenüber den kurzen Augenblicken, den winzig kleinen Ausschnitten, den Welthaltigkeiten in den Partikeln unserer Wahrnehmung und unseres Bewußtseins.

Über die Welthaltigkeit im Partikel .2
Denn, es ist jenes Nicht-Sichtbare, das durch das Sichtbare - im Strich und auch in der Kontur und der Gestalt - ans Licht dringt und in unserer Anschauung sowie im Verstand sich als Erkenntnis zur Deckung bringt, insofern die Intuition ihr übriges tut und den gesamten Erkenntnisvorgang initialisiert, also in Bewegung setzt, auf daß wir Jenem wie den beschworenen Schatten an den Höhlenwänden gewahrwerden, das doch eigentlich das Nicht-Sichbare ist, obgleich wir es ahnen, schon immer gewußt haben oder bloß darüber spekulieren, auf alle Fälle fest daran glauben, daß es unserer Intuition, auf die wir mit Recht stolz sind, nicht entschwinden konnte, und daß, obwohl es genau genommen ja gar nicht da ist - nicht da im Sichtbaren ist, eher im Background, jener schwarze Grund aller Dinge, den man gerne vergißt, obwohl dies einem nie geschehen sollte -, dennoch unser Bewußtsein durchdringt und der Wahrnehmung etwas hinzufügt, das individueller nicht sein kann, über das zu unterhalten uns so schwer fällt wie sich über Familienähnlichkeiten zu einigen, und über das wir schließlich doch etwas gesagt bekommen - allein um dem Vorwurf des Solipsismus zu entgehen, aber eigentlich eher aus wohlwollendem Optimismus bezüglich menschlicher Verständigungsmöglichkeiten im Allgemeinen und Besonderen -, was uns dann ins Staunen versetzt, ob über den Optimismus oder die Intuition ist nicht zu klären, und uns um eine Einsicht reicher macht, die zugleich Aussicht und Aufsicht ist, Einsicht in das Nicht-Sichtbare, Aussicht auf das Noch-Nicht-Sichtbare und Aufsicht auf das Sichtbare, wobei das Noch-Nicht-Sichtbare als ein Drittes weder sichtbar noch nicht-sichtbar ist, das also jeder aristotelischen Logik widersprechend, ein Angebot darstellt, das zu ergreifen im Strich, in der Kontur und der Gestalt angekündigt wird, uns verlockt einen weiteren, vielleicht alles entscheidenden Blick zu tätigen, dabei an unser Leben zu denken, das doch so schnell vergangen ist, und jenen seltenen Moment der Selbsterkenntnis, der zugleich Welterkenntnis ist einzufangen.


Hergenhahn, Hermelinde: "Critical Nearness", Maastricht 2000 (Künstlerbuch) »Critical Nearness


© Gabriele Gramelsberger, Berlin 2010