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Die Stadt im Spiel der Winde. Skylink - ein Projekt des Instituts für Neue Medien in: Leonardo - Magazin für Architektur 6, November/Dezember 1996, 52-55 von Gabriele Gramelsberger
Wie baut man eine virtuelle Stadt? Noch dazu eine, die interaktiv sein soll? Diese Fragen hat sich das Frankfurter Institut für Neue Medien in Zusammenarbeit mit der Technischen Hochschule Darmstadt gestellt. Die Antwort weist weit in die Zukunft. Das Terrain ist digital und diffus zugleich, wobei die Planung völlig neuen Kriterien unterliegt. Die im Computer generierte Architektur löst sich aus der klassischen Bindung von Raum und Zeit und wird zur "Hypertecture". Das Ergebnis sind digitale Netzstädte - Zukunft pur! Manöver im Netzwerk Eine Möglichkeit, eine virtuelle Stadt zu erbauen, hat der Frankfurter Architekt Bernhard Franken verwirklicht. "Skylink" ist eine dreidimensionale Navigationsoberfläche, die für das World Wide Web entwickelt worden ist. Der Besucher kann sich dur ch eine schemenhaft angelegte Stadt manövrieren, die charakteristische Bürohochhäuser Frankfurts simuliert. Zwischen den Bauten spannt sich ein dynamisches Netz - "Dynanet". Oben und unten werden getrennt, eine virtuelle Plattform entsteht. Ständig in Bewe gung, dokumentiert "Dynanet" den Einfluß von Kräften oder, wenn man so will, das Spiel der Winde. Der Besucher zoomt sich näher an die Netzstadt. Er »browst« heran und erkennt eine Skystation, die, einem Luftschiff gleich, im Dynanet hängt. Die Skystation ist ein Informationselement, in dessen Innerem per Hyperlinks Informationen zum Projekt abgerufen werden können. Im Grunde könnte man sich vollkommen frei durch den virtuellen Raum bewegen. Doch die Gewohnheit der Alltagswahrnehmung fordert ihren Tribut. Verkehrswege symbolisieren die zu erkundenden Möglichkeiten durch die Stadt. Der "Skywalk" schwebt über dem dynamischen Netz vorbei an Stelen, die komplett neue Welten enthalten. Das Verschachteln von Umgebungen und Interieurs - unabhängig von Ort und Größe - ist das Typische der interaktiven Netzstadt. Gewohnte Relationen kehren sich um: Das Innen birgt das Außen, das Kleine enthält das Große. Unsere alltäglichen Erfahrungen und Maßstäbe werden spielerisch außer Kraft gesetzt. Der Raum wird relativ.
Telepolis im Internet "Skylink" wurde von Bernhard Franken als Gemeinschaftsprojekt des Instituts für Neue Medien in Frankfurt und des Lehrstuhls von Professor Eisele (TH Darmstadt) realisiert. Die Frage, welche Bedeutung Architektur und Navigation in mehrdimensionalen, digitalen Netzstädten haben, stand im Mittelpunkt des Interesses. Um "Skylink" mit allen Oberflächen durchfliegen zu können, ist ein High-end-Computer vonnöten. Im Internet läuft zur Zeit nur eine abgespeckte Version:»Skylink "Skylink" war letztes Jahr Teil der "Telepolis"-Präsentation, die im Rahmen der Kulturhauptstadt-Aktivitäten in Luxemburg gezeigt wurde. Live vor Ort und via Internet konnten sich Computer-Benutzer der ganzen Welt in die Ausstellung einwählen und verschied ene Projekte besuchen. Ein virtuelles Stadttor gab den Zugang zu Telepolis frei. Beispielsweise konnte man sich ins digitale Amsterdam einbürgern lassen, dort zur Post gehen, um elektronische Briefe zu versenden, oder in Bibliotheken und Archiven blättern. Mehr als ein Dutzend Projekte aus Kunst, Wissenschaft, Architektur und Unterhaltung wurden mit diesem Tele-Event zugänglich. Kräfte und Kreuzungspunkte Neben der bereits erwähnten Verschachtelung der Räume ist das Generieren von Kräften bzw. das Sichtbarmachen ihrer Wirkungen interessant. "Dynanet" stellt eine Bewegung dar, die normalerweise nur als Windhauch spürbar wäre. Das Spiel der Kräfte, beispielsweise die Verformung von Bauteilen durch Belastungen, wird durch die Simulation im Computer sichtbar. Dabei muß es sich nicht immer um Naturkräfte handeln. Die Visualisierung von Kommunikationsstrukturen oder Verkehrsströmen ist für die Architektur eine neue Herausforderung - virtuell wie real. Der niederländische Architekt Ben van Berkel etwa versucht mit den "Kreuzungspunkten" organisatorische Strukturen neu zu definieren. Sowohl die Infrastruktur als auch die Umgebung formen ein Gebäude. In der Regel bleiben diese Kräfte unsichtbar und werden von der Architektur kanalisiert. Mit Hilfe des Computers hingegen können sie wirkungsvoll integriert werden. "Es geht darum", sagte van Berkel in einem Interview mit dieser Zeitschrift (Ausgabe 5/95), "wie man Daten eines Computers verwendet, die nicht nur durch uns selbst verändert werden, sondern Informationen aus der Struktur der Umgebung übernehmen können. In unserem neuesten Projekt, dem Bootsanlegeplatz für Yokohama, kann man das wieder sehen. Wenn man mit dieser »flüssigen Masse« dazwischengeht, so erhält man ganz ungewöhnliche Bilder. Wir versuchen, Raumwahrnehmungen intensiver zu machen und dabei Grenzen zu überwinden." Biegsame Systeme "Smart Architecture" (geschmeidige Bauweise) wird diese Methode genannt. Die "Einverleibung äußerer Einflüsse in ein biegsames System", wie der Architekturtheoretiker Gregg Lynn schreibt, zeichnet die neue Planungsweise aus. Statt kontextuelle Brüche in de konstruktivistischer Manier zu überhöhen oder dieselben zu leugnen, gestattet eine biegsame und geschmeidige Architektur, sich mit Flexibilität auf komplexe Umgebungen einzulassen. Dabei wird die Geometrie inexakt, figürlich und kontextgebunden; keinesfalls beliebig reproduzierbar oder präzise meßbar. Wie geht man mit den Unterschieden und Brüchen um? Versucht man sie zu vereinheitlichen, zu unterdrücken oder in Widersprüche einzufrieren als Reaktion auf den Formenkonflikt? Oder taucht man ein, verwickelt sie und stellt eine Mischung her? Zwei verschiedene Konzepte sind möglich. Stichwort Glätte: Die Intensitäten unzusammenhängender Elemente werden durch eine äußere Kraft, die auf sie wirkt, verwickelt. Stichwort Viskosität: Die Elemente kollidieren mit der äußeren Kraft. Im ersten Fall entsteht eine Verknüpfung von Oberflächen, mehr durch Zwischenräume als durch interne Verbindungen. Im zweiten Fall durchdringen sich die Intensitäten und schaffen ein relativ unbeständiges "Ereignis". Verändert sich ein Element, ändert sich auch das Ereignis. Beide Konzepte zeichnen sich durch die Unvorhersagbarkeit der aktuellen Verbindungsmuster aus. Gebaut wird eine mit dem Kontext verwobene Momentaufnahme.
Die fünf Kräfte Mit einer ähnlichen Motivation hat Bernhard Franken die Wirkung von fünf Kräften auf die Gebäudeebenen eines virtuellen Verkehrsmuseums simuliert. Das Gebäude als Matrix wird durch verschiedene Kräfte und Einschließungen geformt. Das Projekt demonstriert die architektonische Wirkungsweise dieser Planungsmethode. Verkehrswege durchdringen den Bau und zeigen Wirkung: Der Fußgängersteg verwirft die Geschoßebene bei seiner Durchquerung. Das Ende der Eisenbahnlinie verformt die Decke des Untergesc hosses. Für eine horizontale Verschiebung sorgt die alte Autorampe auf dem Gelände. Und die eiförmige Einkapselung des Cafès schafft ein Anziehungsfeld. Vier Kräfte, die zusammen mit der Gravitation ein neues, dynamisches Gleichgewicht erzeugen. Solche Überlagerungen und Dynamisierungen sind mit bloßer Anschauung oder Analogie nicht erreichbar. Das virtuelle Verkehrsmuseum und "Skylink" wurden am Institut für Neue Medien in Frankfurt als Computersimulationen realisiert. "Hypertecture" ist momentan nur auf High-end-Computern zu verwirklichen; es sollen akzeptable Geschwindigkeiten erreicht werden. Interessant ist, daß sich das Verhältnis von Repräsentation und Objekt umkehrt. Ist realiter das Gebäude wesentlich komplexer und vielschichtiger als der Entwurf, so verschachtelt und verwickelt die Loslösung von Raum und Zeit im Dataspace die Dimensionen in ungeahnter Weise.
Gabriele Gramelsberger |