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Plug-In Plaza: Zukunftsvision des urbanen, medialen Raums
in: Leonardo - Magazin für Architektur 3, Mai/Juni 2000, 70-73
von Gabriele Gramelsberger



Rupert Kiefls Konzeption eines digitalen Platzes: Virtual Reality besteht in der Version des CAD-Computer Aided Design in einem realitätsabbildenden Umgang mit den Designmöglichkeiten. Nur selten wird der Datenraum und seine mediale Funktionalität selbst zum Objekt architektonischer Gestaltung. Die Plug-in Plaza ist eines der wenigen Projekte, das in seiner Konzeption die mediale Funktionalität raumbildender Strukturen zum Thema hat. Der Weihenstephaner Landschaftsarchitektur-Absolvent und Medienkünstler Rupert Kiefl realisierte zwischen 1997/98 die Plug-In Plaza als Hig-end Simulationsmodell und als internetfähiges VRML-Modell am Institut für Neue Medien in Frankfurt. Die rasante technologische Entwicklung der letzten Jahre ermöglichte die Umsetzung der anfänglich nur als Entwurfsexperimente existierenden Visionen, die er an der Fachhochschule für Architektur in Weihenstephan entwickelte.


1 Gliederungskonzeption: Erschließung, Galerie, Monolith und Schnittstelle gehen auf eine Variante unterschiedlicher Strukturkonzepte zurück. Die Chat-Rooms sind über die gesamte Plattform verteilt.

Diskontinuität ist die Kennzeichnung des medialen Raums. Auf Orte im Cyberspace bewegt man sich nicht zu, man klickt sie an. Ein Klick nach Tokyo, ein weiterer nach Las Vegas und schließlich noch schnell nach St. Petersburg. Ort und Zeit dividieren sich im elektronischen Medium auseinander oder in der Sprache des Raums artikuliert: Das maßgebliche Charakteristikum des Internet ist seine Wegelosigkeit. Dieses Bewegungsverhalten ist unserem alltäglichen Erleben von Raum und Architektur jedoch befremdlich. Wege, so schreibt der amerikanische Architekt Kevin Lynch, gehören zu den Grundelementen der Orientierung in einer Umgebung. Ihre gestaltpsychologische Funktion besteht in der kontinuierlichen Verknüpfung von Orten.


2 Ein gläsernes Band begleitet die Wege zur Plug-In Plaza.

Mediale Eigenheiten

Wie sieht nur der Ausweg aus dieser Wegelosigkeit medialer Räume aus? Der Weihenstephaner Landschaftsarchitektur-Absolvent und Medienkünstler Rupert Kiefl hat mit seinen konzeptuellen Überlegungen zu diesem Thema sowie seinem Entwurf und der Umsetzung der Plug-in Plaza einen anregenden Vorschlag dazu unterbreitet. Als dreidimensionale High-end Computersimulation wie auch als internetfähige VRML-Version ist die Plug-in Plaza die Zukunftsvision eines urbanen, medialen Raums des 21. Jahrhundert. Sie ist als Analogie zu einem gebauten kommunalen Platz gedacht. Doch es geht um mehr, als um die Diskontinuität des Bewegungsverhaltens im Elektronischen. Denn das zweite maßgebliche Charakteristikum medialer Räume ist ihre kommunikative Funktionalität. "So wie neue Baustoffe und industrielle Fertigungsmethoden des Neuen Bauens zu Beginn der Moderne neue Formen ermöglichten," ist Rupert Kiefl der Ansicht, "so wird auch das Informationszeitalter mit seinen Impulsen auf den Wandel menschlichen Kommunizierens seine eigenen Traditionen in der Gestaltung räumlich wahrnehmbarer Umgebungen entwickeln."

Informationszentrum

Neben den Wegen präsentiert die Plaza weitere Elemente, die sie als medialen Funktionsraum definieren. Der Monolith bildet in Form eines vertikal betonten Quaders das multimediale Informationszentrum der Plaza und ist mit Videosequenzen, Bildern, Texten und Sounds bespielbar. Im virtuellen Raum erleiden Innen und Außen einen Funktionsverlust. Insofern symbolisiert seine Form nach außen gekehrte Architektur, indem Öffnungen zu Projektionsflächen werden. Trotz seiner massiven Erscheinung ruht der Monolith auf keiner Basis. Dies ist eine der gestalterischen Freiheiten im Medialen. Der Besucher kann sich unter dem Monolith bewegen und die dort plazierbaren virtuellen Modelle betrachten. Oder er kann als Avatar einen Vortrag halten. Avatare sind unsere Vertreter im Virtuellen und werden uns zukünftig eine elektronische Identität im Internet verleihen. Der Monolith ist ein Informationszentrum für jede denkbare digitale Präsentationstechnik, sei diese bewegt, zwei- oder dreidimensional. War der Brunnen im vorindustriellen Zeitalter die allgegenwärtige Methaper des Lebens, so ist der Monolith nun die Quelle des medialen Platzes. Gleichwohl fließen Informationen anstelle des Wassers.


3 Vorne: Der Monolith ist in drei Bereiche gegliedert. Jeder Bereich zeigt Projektionen verscheidener Informationsdichte. Von oben nach unten nimmt der Konkretisier- ungsgrad zu und der Betrachter muß sich dem Monolith nähern, um auch detailliertere Informationen wahrzunehmen. Hinten: Schwerlos schwebt der massive Quader über der Plug-In Plaza. Eine Ausstellungs- fläche unterhalb des Monolithen ermöglicht die Präsentation dreidimensionaler Informations- objekte.

Ausstellungsfläche

Als weiteres zentrales Element sind die Ebenen der Galerie in die Plug-in Plaza integriert. Internet- Galerien finden immer größere Beliebtheit, doch selten ist eine Galerie in ein architektonisches Konzept eingepaßt. Meist reihen sich daumennagelgroße Bilder auf einer zweidimensionalen Fläche aneinander. Die Lösung der Plug-in Plaza präsentiert Polygone in einem etagenartigen Ordnungsmuster. Ein gigantisches Panel streckt sich durch den kreisrunden Durchbruch, der die Polygone verbindet. Es dient der Informationspräsentation zu aktuellen Ausstellungen der Galarie. Der Besucher gelangt entlang des Panels auf die verschiedenen Ebenen, auf welchen sich ein gläsernes Band schlängelt. Es nimmt die Exponate auf und läßt sich in seiner Führung interaktiv variieren. Der Betrachter kann auf diese Weise die Ausstellung nach seinen Wünschen umgruppieren und gestalten.

Chat-Rooms

Die Plug-in Plaza ist ein Ort der Begegenung, der Kommunikation und der Information. Als Multiuser-Umgebung dient sie als Treffpunkt im Internet. Obwohl dies aktuell technologisch noch nicht realisiert ist, ist die Bevölkerung dieses medialen Platzes eine Frage der Zeit. In absehbarer Zukunft werden wir, repräsentiert durch Avatare, diesen Ort nutzen, wie wir bereits heute die zweidimensionalen Internetsites besuchen. Die offene Informationsumgebung der Plaza lädt zum flanieren im Datenraum ein. Geschützte Orte der Kommunikation bieten die linsenförmigen Gebilde der Chat-Rooms, die über der Plaza schweben. Informationspanel neben den Chat-Rooms zeigen die Gesprächsthematik an. Die Chat-Rooms sind dynamische Parameter der Intensität des kommunikativen Austauschs. Je höher sie steigen und sich ausdehnen, desto größer ist die Anzahl der Chat-Teilnehmer. Chat, das Online-Gespräch in Echtzeit, vollzieht sich im Textuellen. In Form visualisierter Chat-Rooms wird diese Kommunikationsform als konkrete Begegnung vor Ort im Virtuellen sichtbar.

Schnittstelle

Die Schnittstelle dient dem Wechsel an einen anderen Ort im Virtuellen. Als Informationspanel konzipiert zeigt es nicht nur die Adressen anderer Sites an, sie ermöglicht interaktiv die Anwahl des gewünschten Ortes. Mit einem Klick verläßt der Besucher die Plug-in Plaza. Er tritt durch den diffusen Nebel am Rande des Platzes und begibt sich augenblicklich auf die Reise in die Weiten des Datenraums. Damit ist er wieder der Diskontinuität und Wegelosigkeit der Internetsites ausgeliefert. Doch die Rückkehr ist jederzeit mit dem Back-Button möglich.

Entwicklung einer Formensprache

"Als Entwurfsaufgabe bietet ein Ort des neuen Raumtypus die Chance völliger Freiheit der Form. Da es keine physikalischen Zwänge gibt, die Statik und Material bedingen, können Gebilde entstehen, die nichts mehr mit gebauten Räumen gemein haben. Der amerikanische Architekt Marcos Novak zeigt dies mit seinen bizarren, phantastischen Formen eindrucksvoll. Dennoch wird sich eine Entwurfstradition oder ein kleinster gemeinsamer Nenner entwickeln, wenn solche Orte einer Funktion zugeführt werden und sich damit von der reinen Medienkunst emanzipieren." Rupert Kiefls Prognose ist bereits in der Umsetzung begriffen. Architektonisch gestaltete Datenräume spielen mit realitätskonservierenden Elementen ohne real gebaute Architektur zu kopieren. Im Mittelpunkt des gestalterischen Interesses steht die mediale Funktionalität. Informationsräume und Kommunikationsstrukturen in einer architektonischen Formensprache zum Ausdruck zu bringen, ist eine große Herausforderung an die Architekten des Information-Space für die Zukunft.


Gabriele Gramelsberger
Leonardo - Magazin für Architektur 3, Mai/Juni 2000



Daten:
Designer: Dipl.-Ing. Rupert Kiefl
Simulations-Software: Alias Wavefront Maya
Hardware: Silicon Graphics Onyx
Internetmodell: VRML 2.0
Plug-in Plaza: www.inm.de/people/rupert_kiefl.html
Bilder: Ruper Kiefl
Literatur + Links: Kevin Lynch: Das Bild der Stadt, 1968
Marcos Novak: transArchitektur, Telepolos 6/97 unter www.ix.de/tp/ (Marcos Novak ist Leiter des Reality Lab der School of Architecture an der Universität Texas, Austin. www.aud.ucla.edu/~marcos/)
Rupert Kiefl: Virtuelle Räume, 1996 unter: wwww. inm.de/people/rupert_kiefl.html


© Text: Gabriele Gramelsberger
© Bilder: Rupert Kiefl


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