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Konzeptuelle Aneignungsstrategien und deren Metaphern im Umgang mit dem Internet,
in: Udo Thiedeke (Hg.): Bildung im Cyberspace. Vom Grafikdesign zum künstlerischen Arbeiten in Netzen. Erprobung eines Weiterbildungskonzeptes, Projektband I, Westdeutscher Verlag: Opladen 1999, 94-118
von Gabriele Gramelsberger



(Textauszug)
... Aktuelle Metaphern im Umgang mit dem Internet finden sich in der Netzdiskussion der Online-Publikationen, aber auch in zahlreichen Büchern [z.B. Münker / Roesler 1997; Krämer 1998]. Oftmals werden die Diskurse zuerst im Netz geführt, bevor sie Eingang in gedruckte Beiträge finden. Eine kritische Perspektive auf das Internet erhält man auch durch die Diskussionen in den Mailboxen, die ab Mitte der 80er Jahre - vor der Popularisierung des Internet durch das World Wide Web - eigene Strukturen zur Datenfernübertragung etablierten. [Ilyes, 1998] Die Auswahl der Metaphern kann bei weitem nicht das immense Archiv illustrer Sprachbilder repräsentieren, die in und über das Internet kursieren. Die folgende Einteilung spiegelt den funktionellen Charakter der Metaphern als Aneignungsinstrumente bzw. Ausdruck konzeptueller Überlegungen zur Verdichtung spezifischer Eigenschaften wider. Dabei wird einerseits das Internet in seiner Gesamtheit reflektiert, andererseits einzelne Aspekte hervorgehoben. Es werden drei Kategorien vorgestellt, die jeweils spezifische Eigenschaften akzentuieren und dennoch ineinander greifen: Die Sphäre des Urbanen konzentriert sich weniger auf die Stadt als Ort, denn auf gesellschaftspolitische und kommerzielle Aspekte. Metaphern dieser Sphäre thematisieren die Globalität des Internet oder die Funktionalität konkreter Informations- und Kommunikationsumgebungen im elektronischen Raum. Die Spähre des Organischen bringt strukturelle Aspekte zum Ausdruck oder setzt Vergleiche zu kognitiven Fähigkeiten des Menschen. Die Sphäre des Raums dient der Verortung des Mediums bzw. transferiert konkrete oder abstrakte Raumkonzepte auf das Internet. Auf die Sphäre des Technischen, die vor allem Metaphern aus dem Bereich des Maschinellen entlehnt, und andere Metaphernfelder wird nicht eingegangen.

Sphäre des Urbanen mit gesellschaftspolitischen und/oder kommerziellen Aspekten:

Das Internet im Gesamten, als Inbegriff der postmodernen Informations- und Kommunikationsgesellschaft, hat weitreichende Konsequenzen für das soziale Leben. Als ein neues Medium mit spezifischen Eigenheiten, verfügt es über Merkmale - Kollektivität, Heterogenität, räumliche Organisation, visuelle Verwirklichung [Bolter, 1996] -, die mit der Metapher Stadt besser artikuliert scheinen, als mit der "... in den USA am weitesten verbreitete Metapher ... des information highway." [Bolter, 1996, S. 3] Bereits William Gibson vergleicht den Cyberspace mit den zurückweichenden Lichtern der Stadt und regt nebenbei mit dem Begriff Cyberspace - kybernetischer Raum - zahlreiche Wortneubildungen, wie Cyberlife, Cybercity, Cyberia oder Cyberscape, an. [Gibson, 1987] Das Internet, oftmals gleichgesetzt mit dem Cyberspace, ist jedoch ein a-topischer, verteilter Datenraum, ein Erewhon - jenes von Samuel Butler eingeführte Anagramm von Nowhere [Butler, 1994; vrgl. Wagner, 1998]. Es wird zum "... theatrum mundi ... zu einem fiktiven Stadt-Universum ..." [Böhme, undat., S. 9] "Wenn man früher vom Dualismus von Zivilisation und Wildnis ausging, so kann man jetzt sagen, daß die zivilisatorischen Prozesse solche erst sind, insofern sie digital erfaßt, gesteuert und verwaltet werden, und daß alles, was keinen Code hat, also keinen Anschluß an die Welt der Rechner, zur eigentlichen Wildnis geworden ist: bedeutungslos, irrelevant, `draußen´, barbarisch. Nicht nur Ich bin, insofern es Datensätze von mir gibt (das ist die neue cartesianische Formel); sondern sogar jedes Ding ist nur, insofern es eine Repräsentation in einer Datenbank findet." [Böhme, undat., S. 7] Es bedarf entsprechend angepaßter Lebensformen, die den Benutzer um eine virtuelle Präsenz (Avatare) erweitern: Cyborgs, also meint William J. Mitchell, werden wir in Zukunft sein, die "... in wachsendem Maße ihre Körper mit Netzwerken verbinden, die ihnen erlauben, aus der Ferne und asynchron zu handeln und Selbstdarstellungen zu verbreiten." [Mitchell, 1997, S. 30] Das Netz, glaubt er, "... will play as crucial a role in twenty-firt-century urbanity as the centrally, located, spatially bounded, architecturally celebrated agora did (according to Aristotle´s Poltics) in the life of the Greek polis ..." [Mitchell, 1995, S.1] Die `elektronische Agora´ soll "... nicht nur eine neue Form der Zivilisation transportieren, sondern auch Surrogat für den verlustig gegangenen öffentlichen Raum der realen Stadt sein." [Wagner, 1998, S. 6]

Stadt-Utopien gibt es zahlreiche, auch schon vor dem Zeitalter der Digitalen Zivilisation: "Nova Atlantis" von Francis Bacon oder Thomas Morus "Utopia" sind Beispiele dafür. Die `Idealstadt´ als Sozialutopie egalitärer Gemeinschaften und die `Wissensstadt´ als räumlich organisiertes Wissenssystem verbinden historische und aktuelle Konzeptionen. [Wagner, 1998, S. 12] Die Stadt als Ort des gesellschaftlichen Lebens, die `Agora´ als Kommunikationsplattform, der `Marktplatz´ als Forum des Warenaustausches vereinen gesellschaftspolitische und wirtschaftliche Interessen. Die Komplexität der Städte und die Dynamik des Stadtlebens sind faszinierende Eigenschaften, die telegen erscheinen. Konkret erlaubt die Metapher Stadt die Orientierung auf Web-Sites, die mehrere hundert oder gar tausend Seiten umfassen: Unterhaltung findet man im virtuellen Cafe, elektronische Briefe gibt man im Postamt auf und Anzeigen postet man am Schwarzen Brett. Vertraute Orte mit vertrauten Inhalten, die als Klischee fungieren. Deren Umsetzung kann literal ( Cyberion www.musenet.org), grafisch (Digitale Stad www.dds.nl) oder dreidimensional (Cyber City www.echtzeit.de) sein.

Konzeptionen, die bei der antiken Polis-Idee Anleihen nehmen, operieren gerne mit dem Begriff der Agora und deuten damit gesellschaftspolitische Ambitionen an: XS4all bzw. direkte Demokratie! Referenzstädte sind `De digitale Stad´ Amsterdam (www.dds.nl) und die `Internationale Stadt Berlin´ (www.is.in-berlin.de), die "... im globalen Computernetz eine eigene räumliche Bezogenheit zwischen den Einwohnern..." [Letsch, 1996, S. 89] herstellen und gegen wenig Geld Internetzugang und -präsenz ermöglichen. Als Public Domain bzw. Freenets mit öffentlich zugänglichen Terminals (zumindest die Amsterdamer Version) beziehen sie Position gegen die Kommerzialisierung des Netzes [vrgl. Lovink, 1995] und scheitern auch daran, wie der Abgesang auf die Internationale Stadt Berlin dokumentiert: "1994 und 1995 entstanden im World Wide Web eine ganze Reihe von Projekten, die nach dem Vorbild einer Stadt organisiert waren. Das berühmteste Beispiel ist die "Digitale Stad", Amsterdam, der es tatsächlich eine gewisse Zeit gelang, auf ihren Seiten im Internet eine Art soziales Leben zu simulieren. In New York versuchte die ehemalige Mailbox "The Thing" (www.thing.net) den Einstieg ins Internet, in Wien wurde die Web-Initiative "Public-Netbase" (www.t0.0r.at) gegründet. All diese Projekten gingen mit der gleichen Rhetorik der "Virtuellen Gemeinschaften" und "Access For All" ins Netz, die aus heutiger Sicht etwas wolkig erscheint. Auch bei der Internationalen Stadt Berlin hatte man große Pläne und hohe Ansprüche: "Der Mensch steht als aktiv Beteiligter und nicht als Verbraucher im Zentrum", hieß es Anfang 1995 in einer Art Gründungsmanifest." [Baumgärtel, 1997, S. 18] Doch so fragwürde das alt-griechische Verständnis von Gemeinschaft heute ist, so zweifelhaft kann auch die Intentionen des Zugangs für Alle sein. Stecken die heren Ziele der `virtuellen Gemeinschaft´ [Rheingold, 1994] mit cyberdemokratischen Idealen dahinter oder leistet man unbeabsichtigt, aber unbedarft den Zwecken kapitalistischer Agitatoren Vorschub, die die Welt in einen großen, homogenen `elektronischen Marktplatz´ verwandeln möchten? "Die Mehrdeutigkeit der kalifornischen Ideologie kommt am deutlichsten in ihren widersprüchlichen Visionen der digitalen Zukunft zum Ausdruck. Die Entwicklung der Hypermedien ist ein Schlüsselelement für die nächste Stufe des Kapitalismus." [Barbrook / Cameron, 1996, S. 56]

"Die Stadtmetapher fördert nicht nur die Wiedererkennbarkeit, es ist vor allem eine produktive Formel, welche sowohl die Phantasie der Macher als auch der Benutzer reizt", meint Geert Lovink [Lovink, 1995, S. 181] und spricht sowohl von übersichtlicher Funktionalität wie von einem `Labyrinth von Gassen´, in welchem sich `dunkle und abenteuerliche Dinge´ zutragen können. Die Unübersichtlichkeit soll vor der Transparenz der Computertechnologie Schutz bieten, doch die Metapher urbanen Gewusel täuscht, denn die Online-Kommunikation hinterläßt Spuren. "Bis zur Erfindung des Internet war es unmöglich, sich einen technologischen Überblick über die unzähligen Kommunikationsvorgänge und das Gewirr individueller und kollektiver Informationsstraßen zu verschaffen," [de Kerckhove, 1996, S. 2] schreibt Derrick de Kerckhove und weist auf den Begriff des `Global Village´ hin, der von Marshall McLuhan im Zeitalter des Fernsehens und unter dem Eindruck von Sputnik und Apollo geschaffen wurde, [McLuhan / Fiore, 1968] "... als noch analoge Bilder das öffentliche Bewußtsein prägten." [de Kerckhove, 1996, S. 2] Der Verweis auf das `Globale Dorf´ ist für de Kerckhove im Zeitalter von Internet obsolet geworden, da die vernetzten Medien die Struktur von Politik und Öffentlichkeit verändern. "Wir gehen über vom räumlich verankerten Standpunkt zum schwebenden Seinspunkt. Die Menschen werden vernetzt mit intelligenten Maschinen und zum Teil eines globalen Gehirns." [de Kerckhove, 1996, S. 1] Obwohl das `Global Village´ immer noch eine weitverbreitete Metapher ist, wird der Übergang von der starren Sphäre der urbanen Architektur hin zur dynamischen Späre des Organischen deutlich. ...

Barbrook, Richard / Cameron, Andy: Die kalifornische Ideologie. Über den Mythos der virtuellen Klasse, in: Telepolis. Die Zeitschrift der Netzkultur, 0/1996, 51 - 72
Baumgärtel, Tilman: Das eigene Ziel verfehlt. Online-Geschäfte statt virtueller Gemeinschaften der Netzbürger: Die "Internationale Stadt Berlin" hat beschlossen, sich selbst aufzulösen, in: TAZ Nr. 5411 vom 18.12.1997, 18
Böhme, Hartmut: Von der Vernetzung zur Virtualisierung der Städte: Ende der Philosophie - Beginn des Neues Jerusalem?, HU Berlin
Bolter, Jay D.: Die Metapher der Stadt im elektronischen Raum, in: Telepolis 01.03.1996
Butler, Samuel: Erewhon oder Jenseits der Berge, Frankfurt 1994
de Kerckhove, Derrick: Jenseits des Globalen Dorfes, in: Telepolis 28.10.1996
Gibson, William: Neuromancer, München 1987
Ilyes, Petra: "Meeting of Minds" - Nutzung und Nutzer einer lokalen vernetzten Mailbox, Magisterarbeit an der Universität Frankfurt, Institut für Kulturanthropologie 1998
Krämer, Sybille (Hg.): Medien Computer Realität. Wirklichkeitsvorstellungen und Neue Medien, Frankfurt 1998
Lovink, Geert: The Digital City Amsterdam, in: Gerbel / Weibel 1995, 180 - 185
Lovink, Geert / Schultz, Pit: Anmerkungen zur Netzkritik, in: Münker / Rsler, 1987, 338 - 367
McLuhan, Marshall / Fiore, Quentin: War and peace in the Global Village, New York 1968
Mitchell, William J.: Die neue Ökonomie der Präsenz, in: Münker / Roesler 1997, 15 - 33
ders.: City of Bits, Electronic Agoras, 1995
Münker, Stefan / Roesler, Alexander (Hg.): Mythos Internet, Frankfurt 1997
Rheingold, Howard: Virtual Communities, London 1994
Wagner, Kirsten: Architektonika in Erewhon: Zur Konjunktur architekturaler und urbaner Metaphern, in: Wolkenkuckucksheim. Internationale Zeitschrift für Theorie und Wissenschaft der Architektur, 3. Jg., Heft 1 "Architektonik und Ästhetik künstlicher Welten", Mai 1998, TU Cottbus


© Gabriele Gramelsberger, Berlin 2010