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Die Intersubjektivität ikonischer Wissensvermittlung und deren Wahrheitsfähigkeit,
in: Wilhelm Hofmann (Hg.): Die Sichtbarkeit der Macht. Theoretische und empirische Untersuchungen zur visuellen Politik, Nomos Verlagsgesellschaft: Baden-Baden 1999, 61-75
von Gabriele Gramelsberger



(Textauszug)
.. Geht man etwas weiter in der Geschichte der Philosophie zurück, so zeigt sich, daß die Topoi von Begriff und Anschauung, von Begründung und Analogie, von intellektueller Blindheit und sinnlichem Sehen im Philosophischen einander gegenübergestellt werden. Das Auge des Begriffs ist blind, meint G.W.F. Hegel, und wer "... es im philosophischen Denken zu etwas bringen will, dem muß "zuerst das Sehen und Hören vergehen", er muß "in die innere Nacht der Seele zurückgezogen werden"." [Konsermann, 1997, S. 11] Sehen und damit das analogische Erkennen grenzt sich gegen der Methode der Begründung ab und eine Unterscheidung zwischen diskursivem Denken und Anschauung wird vorgenommen. [Kant, 1993, B 125] Während für Platon noch Sehen und Erkennen als Vorgang des Schauens apriorisch vorhandener Gehalte in Form von Urbildern eins war, [Platon, 1970ff , 73 c-e] - sowohl der Schauende als auch die Sinndinge nehmen an den Urbildern teil - ist es der Verdienst vor allem der neuzeitlichen Philosophie, das Primat der Begründung als Modell der Erkenntnis zu etablieren und diese als wissenschaftliche Methode auszubauen. Der Übergang von skriptographischen zu typographischen Medien und das Buch als paradigmatisches Medium geschriebener Sprache unterstützte diese Entwicklung und ikonisch vermitteltes Wissen gerät dabei ins Abseits. Es steht zu erwarten, daß der Übergang zu den audiovisuellen Medien einen Wandel im Modell der Vermittlung und Legitimation von Wissen mit sich bringt. Dies zeigt sich unter anderem an unseren Erwartungen und Ansprüchen an die Bilder wie die intersubjektiv gültige Vermittlung von Wissen, die maßgeblich auf dem Modell der geschrieben Sprache beruht.

Das Wirkliche neutral, also unabhängig von subjektiven Interpretationen, und somit wahr wiederzugeben motiviert die Idee der intersubjektiven Gültigkeit von Wissen. Die Rede über intersubjektiv gültige und wahre Sachverhalte basiert maßgeblich auf der Struktur sprachlicher Aussagesätze und der Methodik beziehungsweise Konvention des Sprachgebrauchs, die mit den typographischen Medien dominant wurden. Am eindruckvollsten läßt sich der Zusammenhang von Sprachstrukturierung und Mediatisierung an der Sequenzierung von Sprache durch Wort- und Satzgrenzen und an der Entwicklung des grammatikalischen Idealtypus des Aussagesatzes mit Subjekt, Objekt und Prädikat aufgrund der typographischen Sprachverarbeitung als Ausdruck eines normierten Kanons des Weltbezugs darstellen. Die Zergliederung des Wissens ist für dessen Verschriftlichung nötig und stößt, neben den Grenzen der Darstellbarkeit, auf neue Weisen der Ordnung von Wissen: Beispielsweise durch schriftadäquate Verfahren der Normierung von Raum und Zeit, Loslösung der Inhalte von Situationen und Sprechhandelnden oder Antizipationsmechanismen. Beschreibungen von Sachverhalten, die ohne ein direktes Gegenüber zur Verständigungssicherung Fragen und Antworten antizipieren und auf einen argumentativen Kern reduzieren, dienen als idealtypische Schriftstücke wissenschaftlicher Theorien. Vollständigkeit gehört dann zum Repertoire des verweggenommenen Diskurses, um eine entsprechende Überzeugungsleistung zu gewährleisten und dem Anspruch der Wahrheitsfindung gerecht zu werden. [vrgl. Giesecke, 1992] Der durch die Satzform vorgegebene Weltbezug und die, durch die Beschreibung entfaltete Verknüpfung der Aussageobjekte, generieren kommunikative Regeln, die zugleich zu rationalen Forderungen der Wissensvermittlung erhoben werden. Je nach Gewichtung der antizipierten Sprechakte entstehen Rationalitätstypen, die in ihrer Rekonstruktion idealtypisch definiert werden können. [vrgl. Habermas, 1981]

Wahrheit in diesem Sinne ist als Übereinkunft innerhalb eines definierten, axiomatischen Systems zu verstehen, das eine bestimmte Methodik im Gebrauch voraussetzt. Bereits Descartes gibt entsprechende Hinweise und begründet den analytischen Gebrauch sprachlicher Systeme. Eindeutigkeit als explizite Darstellungsform, Zuordenbarkeit als direkte Referenz auf Objekte, Vollständigkeit als Geltungsnotwendigkeit und Neutralität des Sprechhandelnden sind die Voraussetzungen für diesen Sprachgebrauch. Intersubjektive Nachvollziehbarkeit wird dann durch die Nachprüfbarkeit sichergestellt, um schließlich als Bestätigungsfaktor wahrer Aussagen zu fungieren. Oder mit Lyotrad gesprochen: "Wenn man erklärt, daß eine Aussage mit denotativem Charakter wahr ist, so setzt man voraus, daß das axiomatische System, in welchem sie bestimmbar und beweisbar ist, formuliert wurde, den Gesprächspartnern bekannt ist und von ihnen als formal so zureichend wie möglich anerkannt wurde." [Lyotard, 1994 , S. 126/127] Die denotative Struktur der geschrieben Sprache, die mit präsenzlokalisierenden Aussagen ihre Objekte und verifizierbaren Relationen in einem konstituiert, scheint die geeignete Form dieses Sprachgebrauchs zu sein. Damit wird die Sprache zum Modell raum-zeitlich stabiler Gegenstände, das den konstativen Weltbezug zum Ausdruck bringt und die rationale Argumentation darüber erlaubt. Im Mittelpunkt steht der denotative Charakter der Sprache, der in Aussagesätzen durch die verifikative Form des ist gegeben ist. Und, "daß wir die externe Existenz dieser Gegenstände nachweisen können, ist kein Zufall, weil sie systematisch mit der Möglichkeit unseres Sprachgebrauchs zusammenhängen. ... daher gilt andererseits: Wenn unser Sprachgebrauch den Verwendungsbedingungen von Identifikation und Prädikation unterliegt, die sich in Gestalt von Sortalprädikaten und interdependenten singulären Termini manifestieren, dann muß es stabile raum-zeitliche Gegenstände geben." [Zimmermann, 1981, S. 108]

Doch Intersubjektivität ist ein schwieriges Geschäft, das vielerlei Bedingungen, Übereinkünfte und Präskriptionen erfordert, und mit Gewißheit nur selten betrieben werden kann. Ob dieses Modell der Wissensvermittlung und vor allem die Möglichkeit beziehungsweise Nicht-Möglichkeit sicherer, allgemeinverbindlicher und wahrer Erkenntnis gegeben ist, ist Thema der zahlreicher Überlegungen zur sprachlichen Darstellung von Wissensinhalten. Sprachstruktur und Methodik bestimmen weitegehend die Beschaffenheit der Relation zwischen Aussage und Gegebenen sowie unsere Ansprüche an das Modell des so vermittelten Wissens. "Nach der ursprünglichen Idee wurde das Erkenntnissystem, auch wenn es ständig umfassender wurde, folgendermaßen als geschlossen gedacht: wir nahmen an, daß es da eine Art letzte Erkenntnis gäbe, nämlich die Erkenntnis des unmittelbar Gegebenen, das unbezweifelbar war. Jede weitere Erkenntnis sollte sicher auf dieser Grundlage ruhen und deshalb gleichfalls mit Gewißheit entscheidbar sein. Diese Auffassung ging auf Wittgensteins Verifikationsprinzip zurück, das besagt, es sei prinzipiell möglich, entweder eine endgültige Verifikation oder eine endgültige Widerlegung jedes sinnvollen Satzes zu erreichen." [Carnap, 1993, S. 88] Das Vorhaben der sogenannten Abbildtheorie der Sprache ist mindestens für normalsprachliche Systeme gescheitert. ...

Carnap, Rudolf: Der logische Aufbau der Welt, Hamburg 1961 (Original 1928)
Giesecke, Michael: Sinnenwandel, Sprachwandel, Kulturwandel. Studien zur Vorgeschichte der Informationsgesellschaft, Frankfurt 1992
Habermas, Jürgen: Theorie des kommunikativen Handelns, 2 Bde., Frankfurt 1981
Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft, Hamburg 1993 (Original 1781/1787)
Konsermann, Ralf (Hg.): Kritik des Sehens, Leipzig 1997
Lyotard, Jean-Francois: Das postmoderne Wissen. Ein Bericht, Wien 1994
Platon: Phaidon, in: Otto, W.F. (Hg.): Studienausgabe, 8 Bde., Reinbek bei Hamburg 1970 ff
Zimmermann, R.: Der "Skandal der Philosophie" und die Semantik, Freiburg / München 1981


© Gabriele Gramelsberger, Berlin 2010