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Architecture - Infotecture: Die Gestaltung des Datenraums, in: Leonardo - Magazin für Architektur 4, Juli/August 2000, 66-70 von Gabriele Gramelsberger Architektur digitale an der ETH Ziel des CAAD-Lab der ETH Zürich ist es, die Gestaltungsmöglichkeiten der digitalen Welten zu erforschen. Die Studenten werden nicht nur in der Anwendung innovativer Informationstechnologien ausgebildet, sondern mit der Gestaltung von Datenräumen vertraut gemacht. Irgendwo in dem Kabelgewirr, das sich wie ein Gespinst über unserer Globus legt, setzen sich durch den Transfer von Datenpaketen die Partikel der digitalen Welten des Internet zusammen. Indem wir nach Gusto und Laune oder aufgrund von Notwendigkeit durch diese Welten ziehen, verschaffen wir uns einen individuellen Eindruck, eine Perspektive, die nur uns in diesem Moment zugänglich ist und sich danach für immer im rhizomatischen Gewebe verliert. Bookmarks, aber noch besser Bewegungsprofile könnten uns ein Tagebuch über unsere Weltansichten generieren, mit dessen Hilfe sich die Spuren der erlebten Perspektiven rekonstruieren ließen. Doch das Vergehen ist auch in diesen Welten ein notwendiges Phänomen und rafft täglich tausende der Partikel in ihrer Existenz oder Zugänglichkeit dahin. Ähnlichen Gesetzen folgt auch die reale Welt, allerdings mit dem Unterschied, daß die Kriterien ihrer Konstitution andere sind. Und zwar einfach deshalb, weil sie nicht aus Daten erzeugt, sondern mehr oder weniger solide vorhanden ist. Architektur beschäftigt sich mit der Konstitution der Welt, indem sie an Raum und Zeit, an Material und Form orientiert ist. Gestalten, Planen und Bauen setzt ein spezifisches Verständnis dieser Dinge und Konzepte voraus und traditioneller Weise wird dieses Verständnis an den Hochschulen vermittelt. Augmented Reality Was sind die Kriterien der Konstitution digitaler Welten? Diese philosophische Frage sollte man sich stellen, anstatt zu versuchen die Erfahrungen mit der realen Welt unhinterfragt auf die digitalen zu projizieren. Das Gestalten, Planen und Bauen von digitalen Umgebungen oder Räumen setzt ein entsprechendes Verständnis voraus, mit dem man sich heute noch zögerlich auseinandersetzt. Zum einen aufgrund der Neuartigkeit des Geschehens, zum anderen aufgrund der mangelnden Kenntnis über die Konstition und Möglichkeiten der digitalen Welten bis hin zur klaren Ablehnung: Was hat Architektur mit diesen Dingen zu schaffen? Doch weder der Architekt, noch jeder Andere in diesem Teil der Erde wird sich der Verdoppelung der Welt im Digitalen entziehen können. Denn diese Verdoppelung entpuppt sich mittlerweile als digitale Durchdringung der Realität, wie uns unsere Kommunikationsbedürfnisse, Arbeitsmittel und Geldgeschäfte lehren. Augmented Reality heißt das Stichwort und es meint die Vermehrung der Realität durch deren digitale Durchdringung. IT-Revolution in der Architektur "The renewal of architecture we have been experiencing over the past few years, ..., is not merely a matter of taste, fashion or language but that, in fact, new substances are being affirmed and, with these, new crisis and opportunities", schreibt Antonio Saggio Januar 2000 in seinem "Manifesto for an Architecture of Information". Dieses Verständnis artikuliert sich nicht nur in einer Buchreihe, die er ediert und die einen hervorragenden Überblick über die IT-Revolution in der Architektur gibt, sondern in der Tatsache, daß Anonio Saggio, Greg Lynn, Peter Eisenman, Gerhard Schmitt und Maia Engeli Professoren an der ETH Zürich sind und dort das neue Selbstverständnis der Architektur in ihrer Lehre vermitteln. Damit avanciert die ETH Zürich wohl zum innovativsten Ort der Lehre und Forschung weltweit. Das von Gerdhard Schmitt gegründete und seit 1998 von Maia Engeli geführte CAAD-Lab des Lehrstuhls für Architektur & CAAD (Computer Aided Architectural Design) ist dabei der Brain Pool der IT-Avantgarde. Studenten können hier nach dem Pflichtprogramm - Informationstechnologie, Aspekte der Kommunikation und der Neuen Medien - der ersten beiden Jahre und den CAAD-Diplomwahlfächern - CAAD Prinzipien, Programmier- und Praxiskurse - der letzten beiden Jahre ein einjähriges Nachdiplom anschließen, das sich vorwiegend auf IT & Neuen Medien konzentriert und die beste Voraussetzung für eine Dissertation in diesem Bereich darstellt. Dissertationen wie die aktuelle Arbeit von Malgorzata Miskiewicz-Bugajski über Wissensterritorien und die Visualisierung komplexer Informationsstrukturen. Der Umgang mit den CAAD-Tools stellt lediglich die Voraussetzung der Ausbildung dar. Eigentliches Ziel ist die Enwticklung des Selbstverständnisses der zukünftigen Architekten für vernetztes und kreatives Arbeiten, für die Gestaltung von Informations- und Kommunikationsräumen. Die Seminare fordern die Partizipation der Studenten an digitalen Projektumgebungen für vernetztes Arbeiten wie Medienkörper, TRACE, phase[x], [roomz] und [connectionz], allesamt Entwicklungen des CAAD-Lab. phase[x] Bereits ein Klassiker ist die Projektumgebung phase[x], die erstmals im Wintersemster 1996/97 verwandt wurde und dokumentiert, daß sich CAAD vom Werkzeug zum Medium entwickelt hat. Die Nutzung der Datenbank als Gedächtnis, die Verwendung neuer Kommunikationsmittel zur Vernetzung und zum Lernen sowie das kooperative Arbeiten sind die Ziele von phase[x]. Im begleitenden Seminaren erhalten die Studenten eine Einführung in die wichtigsten Methoden des CAAD Bereichs, die von der Simulation über Problemlösungsverfahren bis zum Maschinenlernen reichen. Eine Einweisung in verschiedene Geometrie-, Text- und Diagrammmethoden, Programmierarten und Modellierprogramme sorgt für die nötige technologische Basis. Wichtige Ziele sind dynamisches Visualisieren und konzeptuelles Entwurfsdenken. Zum Arbeiten mit der Projektumgebung phase[x] stehen den Studenten verschiedene Workstation Cluster zur Verfügung. phase[x] führt über zehn Entwurfsphasen von der Komposition in der Ebene, über Rotation im Raum, Solid Modelling, Erarbeitung eines Entwurfsvokabulars, selbstänliche Objekte, zu Licht und Raum. In der Beschreibung dazu heißt es: "Indem Sie an diesen Übungen teilnehmen, werden Sie als Autor in einen netzwerkorientierten Prozess eingebunden, der von einem System verwaltet, jedoch von Ihnen als Kollektiv gesteuert wird. Das System besteht aus einer Datenbank, die Ihre Arbeiten speichert und administriert. Sie können mit dieser Datenbank über die Kurshomepage interagieren, indem Sie Ihre persönliche Übungsausgangslage auswählen, anfordern und nachdem Sie die Übung gemacht haben, wieder als Input einspeisen. Dieses Interface erlaubt Ihnen zugleich, die Evolution der Modelle zu beobachten. Sie werden also in jeder Phase dieses Prozesses ein anderes, für Sie neues Modell bearbeiten, welches vor Ihnen schon von anderen Kursteilnehmern bearbeitet wurde." In der Fülle von Entwürfen läßt sich die Gesamtentwicklung in einer Metadarstellung, den sogenannten Outerworld Views, visualisieren. Hier wird sichtbar, welche Entwürfe favorisiert wurden und wie sich Gestaltungscharaktersitika vererben konnten. Zudem wird die Komplexität der Umgebung, die sich zum Kommunikationsmedium entwickelt, deutlich. ![]() 1 Projektumgebung phase [x] Outerworld View: Die Metadarstellung zeigt die Vererbung der Entwürfe in jeder Phase des Projekts. ![]() 2 Projektumgebung phase[x]: Darstellung der Aufgaben der verschiedenen Phasen [roomz] / [connectionz] Das Schlüsselwort für die Projektumgebungen [roomz] und [connectionz] lautet: Storytelling! "Denn Architektur hat viel mit Geschichtenerzählen zu tun", meint Maia Engeli und referiert dabei auf die Theorie des KI-Wissenschaftlers Robert Schank, "gute Geschichten lassen Gebäude im Kopf entstehen, gute Geschichten erschließen Räume." Wichtig für die Geschichten ist es, Anknüpfungspunkte zu schaffen, um individuell attraktive Zugänge zu bieten. "Ohne eine Gespür für Anknüpfungspunkte zu entwickeln kann man weder Geschichten erzählen, noch Architektur entwerfen. Denn bereits die Präsentation der Entwürfe ist ein Form des Geschichtenerzählens und soll jedem Zuhörer einen individuellen Zugang zu dem geplanten Projekt bieten." Auch die gebaute Architektur bindet den Benutzer und Gast als Erlebenden ein, ähnlich der Weise wie dies Erzählungen tun. In ihrem Buch "The Poetics of Communication" bringt Maia Engeli diesen Ansatz anschaulich auf den Punkt. Und in dem neuen Projekt [connectionz] für das Sommersemester 2000 geht es darum, Räume der abstrakten, L-förmigen Struktur von George Vantongerloo, die zugleich Gestaltungsort als auch Kommunikationsumgebung ist, mit Geschichten zu füllen: Indem die Studenten Räume gestalten und umgestalten, Verknüpfungen zwischen ihren Geschichten herstellen und damit neue Zugänge schaffen, entsteht innerhalb der abstrakten Struktur eine Informations- und Kommunikationsraum, dessen Vielschichtigkeit und Vernetzung sich wiederum anhand von Metadarstellungen zeigt. ![]() 3 Projektumgebung [rommz]:Kommunikationsstruktur zwischen verschiedenen Geschichten in der rekonstruierten Strukturvon George Vantogerloo. Aktions- und Metaebene Das Charakteristische der digitalen Welten ist die Überlagerung verschiedener Aktions- und Informationsebenen. Die Inhalte sind zugleich Objekte der Aktion, Information wie Kommunikation und enthalten darüberhinaus Daten über ihren jeweiligen Zustand und ihre Verwendung. Die Erschließung dieser Metainformationen macht es möglich, unsere Spuren in den digitalen Welten nachzuvollziehen und zum Thema der Kommunikation zu machen. Vernetztes Arbeiten bedeutet nicht nur die Partizipation an einem Teamprojekt, sondern auch das Erkunden der eigenen Wirkung und das Kommunizieren darüber. Insofern sind die Informationslandschaften des CAAD-Lab erste Belege der tatsächlich vernetzten und kooperativen Arbeitsweise, von welcher andernorts so viel die Rede ist. Auszug aus dem Interview mit Prof. Maia Engeli Was ist das wichtigste Anliegen in der Ausbildung der Studenten? Wir möchten den Studenten die Gelegenheit geben, Erfahrungen zu sammeln mit der ganzen Informationstechnologie, der Gestaltung von Information und Kommunikation, mit Strategien, die sie in Netzwerken entwickeln. Also all diese Qualitäten, von welchen ich glaube, daß sie in Zukunft eine wichtige Rolle spielen als Teil unserer Arbeit. Wie werden sich die neuen Technologien integrieren? Im Moment sehe ich eher noch eine Trennung zwischen dem was in den digitalen Netzwerken und dem was in der physischen Architektur gestaltet wird. Und es ist sehr wichtig, daß das was im Digitalen gemacht wird architektonische Qualitäten hat. Deshalb braucht es dafür auch Architekten. Diese Trennung, die wir im Moment haben, wird jetzt schon aufgelöst und es wird darauf hinauslaufen einen kombinierten Raum zu gestalten. Wie wirkt sich die Geschwindigkeit der Softwareentwicklung aus? Ziel ist es, Barrieren abzubauen und sich mit den Programmen zu beschäftigen. Man muß sich etwa alle drei Monate mit einem neuen Programm auseinandersetzen, vielleicht noch schneller. Die Frage ist, wie lese ich das richtige Programm aus, welchen Teil muß ich wirklich lernen. Es geht darum bei den Studenten Selbstvertrauen aufzubauen, so daß sie mit diesen Entwicklungen zurandekommen. Gabriele Gramelsberger Leonardo - Magazin für Architektur 4, Juli/August 2000 Literatur: Antonio Saggio: Manifesto for an Architecture of Information, in: Il Progetto, # 6, Januar 2000 Antonio Saggio (ed.): The IT-Revolution in Architecture (Buchreihe erschienen bei Birkhäuser) Gerhard Schmitt: Information Architecture. Basis and Future of CAAD, Birkhäuser Maia Engeli: Digital Stories. The Poetics of Communication, Birkhäuser Robert Schank: Tell ME a Story - Narrative and Intelligence, Northwestern University Press © Text: Gabriele Gramelsberger, Berlin © Bilder: ETH Zürich, Lehrstuhl für Architektur & CAAD »CAAD Lab der ETH Zürich - Weitere Artikel zum Thema "Architektur und Neue Medien" »Artikelserie |