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Das epistemische Gewebe wissenschaftlicher Simulationen,
in: Andrea Gleininger, Georg Vrachliotis (Hrsg.): Simulation. Unfold Architecture - Grundbegriffe zwischen Kunst, Wissenschaft und Technologie, Basel: Birkhäuser, 2008: 83-91
von Gabriele Gramelsberger



(Textauszug)
Einmal angenommen, Sie möchten näheres über den Klimawandel, wie er sich tatsächlich im Computer abspielt, und die nicht gerade aufmunternden Prognosen der Klimamodellierer für die wirkliche Welt erfahren, dann werden Sie schnell feststellen, in welche eigentümliche Sphären Sie da eintauchen, denn Sie begeben sich in rein mathematische Welten. Simulieren bedeutet nichts anderes, als im Computer numerische 'Abbildungen' der Phänomene unserer Lebenswelt zu kreieren. Begeben Sie sich also mutig in ein Klimamodell und Ihr 'Entry point' ist der Ozean, so treffen Sie wahrscheinlich auf Fische, die sich im simulierten Nass tummeln. Stehen Sie an Land, so könnten Sie parametrisierte Wolken sehen oder Schichten des vermutlich blauen Himmels. Heutige Klimamodelle, wie beispielsweise die Referenzmodelle der IPCC Intergovernmental Panel on Climate Change Berechnungen, sind allesamt gekoppelte Atmosphären-Ozean-Modelle, die in einer über vierzig Jahre alten Programmiertradition selbst zu Organismen gewaltigen Ausmaßes mutiert sind. Die Fische treffen Sie dort erst seit einigen Jahren an, denn zuvor gab es nicht einmal Ozeane in den Klimamodellen, da die Rechner nicht schnell genug waren, um die zunehmende Vielzahl der Prozesse zu berechnen. ...

Doch diese 'Fische' sind mit Vorsicht zu genießen, angeln könnte man sie nicht. Man würde sie noch nicht einmal zu Gesicht bekommen, würde man im simulierten Ozean einen Tauchgang wagen, denn weder der Ozean, noch die Garnele existieren in der uns bekannten Form. Vielmehr handelt es sich um semiotische Objekte, die allesamt mathematischer Natur sind und die einer eigenen, sehr unanschaulichen Logik und einer rein funktionalen Sichtweise unterliegen. Ein simulierter Fisch ist eine für das gesamte Modell gemittelte Änderungsrate des Planktonvorkommens. Oder anders gewendet: Plankton 'stirbt' im Quadrat zur Anzahl der Fische, gemittelt auf den simulierten Ozean. Im simulierten Ozean zu schwimmen, würde bedeuten durch eine gemittelte Plankton-Ozean-Fischsuppe zu schwimmen, wobei das 'Schwimmen' in diskreten Welten eine ebenfalls gemittelte Aktivität wäre, die sich von Zeitschritt zu Zeitschritt sprunghaft vollziehen und zwischen den Berechungspunkten interpolieren würde. Da Ozeanmodelle in einem Berechnungsgitter von 20 bis 150 Kilometer Gitterabstand im 10 bis 20 Minuten Takt berechnet werden, würde man also nur alle 20 Minuten existieren, um einen Schwimmzug machen zu können und den auch nur auf den ganzen, äußerst löchrigen Ozean verteilt. Eine ziemlich eigentümliche Welt, in der Objekte Prozesse sind, die in diskreter Form, dafür aber global gemittelt existieren. ...

Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass die wissenschaftlichen Erzählungen zu den großen Erzählungen unserer Kultur gehören und dass sie über viele Jahrhunderte entwickelt worden sind. Mit Simulationen werden sie nun 'sichtbar' und experimentell zugänglich. Die Sprache dieser Erzählungen ist die Mathematik, eine universelle Sprache, die von allen Naturwissenschaftlern gesprochen wird. Das Faszinosum wissenschaftlicher Simulationen liegt in dieser Universalität. Es mag zwar verschiedene Erzählschemata geben, aber die Verfasstheit und 'Natur' der semiotischen Welten ist nahezu universell. Daher sind alle Prozesse, insofern sie sich in dieser 'Sprache' fassen lassen, in die Erzählungen integrierbar. Die Folge ist ein permanent wachsendes Konvolut an Simulationsmodellen, die ein zunehmend umfassenderes epistemisches Gewebe unserer Welt darstellen. Und obwohl der 'Erzähler' kein Teil der simulierten Geschichte ist, lässt sich seine 'Handschrift' überall wieder finden: In der Auswahl der berücksichtigten Prozesse, den Auslassungen, der Ordnung des Erzählablaufes und vielem mehr. Im Unterschied zu literarischen Texten mit individuellen Autoren, sind Simulationsmodelle jedoch kollaborative Texte, die auf dem kollaborativ erworbenem Wissen der Scientific Community aufbauen. Was dabei als Wissen gilt, ist durch allgemeinverbindliche Kriterien geregelt: 'Geschichten' müssen anhand von Messungen, Beobachtungen oder Experimenten empirisch und zunehmend auch anhand von Simulationen 'in-silico' überprüfbar sein. ...


- Gramelsberger, G. (2008): The Epistemic Texture of Simulated Worlds, in: Andrea Gleininger, Georg Vrachliotis (Hg.): Simulation. Context Architecture, Basel: Birkhaeuser, 83-91


© Gabriele Gramelsberger, Berlin 2010