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Vom Verschwinden der Orte in den Daten,
in: Gegenworte - Hefte für den Disput über Wissen, BBAW Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaft, 16/2005: 31-35
von Gabriele Gramelsberger



(Textauszug)
Orte erfüllen in den Wissenschaften die wichtige Funktion der Projektionsfläche für Referenz. Ohne sich auf konkrete Orte zu beziehen - im Experiment, in der Messung, in der Vorhersage - würden die Naturwissenschaften ihre Legitimation, reelles Wissen zu produzieren, verlieren. Doch der Umgang mit den Orten wandelt sich. Zunehmend verschiebt sich die Projektionsfläche ins Virtuelle, verlieren sich die Orte immer tiefer in den Daten. Die Suche nach den Spuren ihres Verschwindens führt vom Urwald Amazoniens, in die Archive und Datenspeicher der Wissenschaften.

Semiotische Substitutionen
Die Geschichte der Bodenforscher, wie Bruno Latour sie erzählt, handelt von der Untersuchung eines konkreten Ortes: Der scharfen Trennlinie zwischen Urwald und Savanne von Boa Vista im brasilianischen Bundesstaat Roraima. Worauf ist diese Trennlinie zurückzuführen? Breitet sich der Urwald aus oder die Savanne? Wer weicht zurück? Die Forscher beobachten die Natur und wandeln sie in eine Art Freiluftlabor um, der Wissenschaftsforscher beobachtet die Forscher und alle werden sie misstrauisch beäugt von den belästigten Tieren und den Goldsuchern. Wonach wird hier von den Bodenkundlern geschürft? Nach Referenz, würde Latour wohl sagen, denn wir "… vergessen immer, dass das Wort "Referenz" vom lateinischen Verb referre abgeleitet ist, was soviel heißt wie "herbeischaffen"." (Latour 45) Die Aktionen, die dabei von den Forschern unternommen werden, verwandeln ein ausgewähltes Stück Urwald/Savanne in ein Laboratorium, gemäß den reglementierten Protokollen ihrer Wissenschaft: 1. Man steckt den Urwald/Savanne als Planquadrat ab, 2. unterteilt dieses mit Hilfe von Kompass, Gefällemesser und orangem Pedologenfaden in Felder, 3. überträgt die Koordinaten auf Millimeterpapier,1 4. nimmt Bodenproben, die in einen Kasten mit kleinen Kartonschachteln gelegt werden.

Es wäre keine Wissenschaft, wenn die Anordnung und Anzahl der abgesteckten Felder nicht mit der Anordnung und Anzahl der Kartonschachteln des so genannten Pedokomparators übereinstimmen würde. Doch damit ist die Arbeit nicht getan: Das Nummerieren der Schachteln, das Protokollieren und Einordnen der Sondierungen im Rahmen des Koordinatensystems und schließlich die Klassifikation der Bodenproben gemäß des Munsell-Codes, der die Färbung jeder Probe eindeutig differenziert, folgen. "Die einmalige Farbe eines bestimmten Klumpens wird zu einer (relativ) universalen Chiffre. … Vermittels des trickreichen Munsell-Code liest sich ein Klumpen wie ein Text: "10YR3/2"." (Latour 74f.) Dabei vergleicht der Forscher die Bodenprobe mit den Farbkarten. Ein Loch in der Mitte erlaubt es ihm, eine möglichst große Nähe zwischen der Materialität der Probe und dem Zeichenäquivalent herzustellen.

Der weitere Prozess der pedologischen Forschung vom Urwald über das Labor bis zur Fachpublikation soll hier nicht weiter erörtert werden, denn der interessierende Part liegt in der Transformation der Materialität des Ortes in die Zeichen bzw. im Verschwinden des Ortes in den Daten - ein alltägliches Geschäft der Wissenschaften im Umgang mit der Welt. ...

Die Geschichte erzählt von Naturwissenschaft, wie man sie sich vorstellt. Da ist die Natur, der durch gezielte Untersuchungen ihre Geheimnisse abgetrotzt werden. Da ist Theorie, aber auch aufregende Feldforschung in den Wäldern Amazoniens. Die Bodenprobe zwischen den Fingern hat etwas Handfestes, etwas worauf sich Theorie bezieht; ein Anker der ausgeworfen wurde, um die Stichhaltigkeit für wissenschaftliche Welterklärung zu garantieren. Auch wenn die Bodenprobe nicht den Urwald im Gesamten repräsentiert, so sichert ihre Materialität in der Schublade des Archives Nähe zur Realität als Beweis. Was aber im wissenschaftlichen Diskurs letztendlich zählt, sind die semiotischen Substitutionen: die Daten. Sie lassen sich vor Ort ins Labor faxen, sie sind die Basis der Expeditionsberichte und fachwissenschaftlichen Veröffentlichungen. Wäre nicht der Wissenschaftsforscher, wir wüssten als Außenstehende wenig von dem Parcours, den die Forscher abstecken, um ihre semiotischen Manöver auszuführen, um den Ort als wissenschaftliche Projektionsfläche zu erschließen. Irgendwann im Laufe dieses Prozesses schieben sich die Zeichen über die Proben, lagern sich darüber ab und türmen sich auf. Dabei zeigt sich, dass die Projektionsfläche nicht als trennscharfe Linie zwischen Ort und Zeichen generiert wird, sondern durch Schübe von Abstraktionsschritten, Standardisierungen und Hinzufügungen entsteht. Die Materialität verschwindet nach und nach unter den Schichten von Daten, taucht ab in den Urgrund wissenschaftlicher Legitimationsreferenz. Der Ort hat ausgedient, nun ist die Datenverarbeitung an der Reihe: Aus Tatsachen werden Theoriewelten (re-)konstruiert. ...

Der in den Daten aufgelöste Ort, den die Expedition nun aus dem Urwald ins Labor oder Institut per Telekommunikation transferieren kann, besteht aus einer überschaubaren Menge an Informationen. Diese aufwendige Sammlung von Daten erinnert an die Naturforscher der Neuzeit, deren Mühen wohl im reziproken Verhältnis zur Menge der gewonnenen Daten standen. Im Zuge der Rationalisierung und Automatisierung delegierte die Wissenschaft in den vergangenen Jahrhunderten diese Arbeit zunehmend an Messinstrumente und Detektoren, die eine systematische Auflösung der Orte in den Daten betreiben. Petabytes von Satelliten-, Mess-Sonden- und Detektor-Daten lassen die Speicher der Wissenschaften überquellen. Das Bersten der Datensilos ist aktuell eines der größten Probleme der Computational Sciences. Der Informationsgehalt über den Zustand der Welt und ihrer Orte ist so mittlerweile groß, dass bereits über Strategien des sinnvollen Vergessens nachgedacht wird. Doch diese Mengen an Daten erzeugen Effekte, welche die Orte immer tiefer in den Datenräumen verschwinden lassen. Primärdaten aus direkten Messungen sind heutzutage nur eine Informationsquelle der Wissenschaften. Die Theorie basierte Rekonstruktion der Welt ist mittlerweile so umfassend und glaubwürdig geworden, dass die Datenverarbeitung immer mehr aus den Primärdaten herausholt, indem sie immer gewagtere Annahmen hinein interpretiert. Datenretrieval nennt sich dieser Vorgang zur Erzeugung abgeleiteter Sekundärdaten und er ist zu einem ähnlich alltäglichen Geschäft der Wissenschaft geworden, wie die semiotischen Substitutionen der Materialität in situ. Es ist viel diskutiert worden über die Theorielastigkeit von Messung und Experiment bezüglich direkter Messwerte. Doch die permanente Modulation und Remodulation der Datensätze - das 'Durchkneten' der in den Daten aufgelösten Orte - erzeugt eine Flut hochgradig Theorie lastiger Sekundärdaten, deren Ableitung rein auf Modellannahmen basiert. ...

Latour, Bruno: Zirkulierende Referenz, in: ders.: Die Hoffnung der Pandora. Untersuchungen zur Wirklichkeit der Wissenschaft, Frankfurt am Main 2002, S. 36-95 (Pandoras Hope, 1999)


© Gabriele Gramelsberger, Berlin 2010