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Bilderkriege im (verkauften) Öffentlichen Raum, in: Bilderkriege - Fokus Award 2003, Dortmund 2003, 94-203 von Gabriele Gramelsberger (Textauszug) ... Soviel sei vorab menetekelt: Der Öffentliche Raum ist bedroht! War in früheren Zeiten die politische Ideologisierung die größte Bedrohung, so ist es heute der Ausverkauf und die zunehmende Vereinnahmung durch private Partikularinteressen. Die Kolonialisierung des Öffentlichen Raums lädt zum Halali im Eldorado. Bilder spielen im Eroberungszug eine entscheidende Rolle, insofern der Öffentliche Raum als Aufmerksamkeitsort das strategische Ziel der Begierden ist. Allen voran erobert die Werbung immer mehr öffentliches Terrain, motiviert uns in U-Bahnen und Bussen, zieht uns an Straßenkreuzungen mit hektischem Flimmern in ihren Bann, überzeugt uns mit überlebensgroßer Darstellung. Size does matter! Wir sind mitten im Krieg, werden zunehmend kolonialisiert, ohne dass wir es merken. Das Kampfgebiet: ÖR. Die Kampagne: global desert storm. Das Ziel: Kontrolle der Aufmerksamkeit und Handlungen von Weichzielen. Strategie: go over the top. Robuster Einsatz an allen Fronten. … Ganz Global City ist besetzt. Ganz Global City? Nein! Eine von unbeugsamen Adbustern bevölkerte Enklave hört nicht auf, den Eindringlingen Widerstand zu leisten. Semiotik des Widerstands Ironie, Irritation und Verwirrung sind die Strategien der Adbuster. Adbusting meint die geschickte Modifikation von Werbebotschaften, um verschleierte Geschäftspraktiken anzuprangern. Naomi Klein hat in ihrem Buch "No Logo" beredte Zeugnisse dieser Widerstandsstrategie geliefert. Wenn global agierende Konzerne ihre Profite durch Kinderarbeit steigern, den Konsum mit Appetitverstärkern ankurbeln oder Jugendliche zum konsumieren von Tabakwaren oder Alkohol animieren, geraten sie in das Sperrfeuer der Adbuster. Millionen schwere Kampagnen werden durch ironische und irritierende Verfremdungen persifliert. Doch das Imperium schlägt zurück! Stereotyp heißt es dann in den zahlreichen Anklageschriften der Markenartikler, die Marke - das höchste Gut unserer Gesellschaft [Anmerkung der Autorin] - würde durch Verwechslung geschädigt, Konsumenten wären verwirrt. Unzumutbar! Eine Gefährdung kapitalistischer Grundfeste. Aber sollte nicht eine starke Marke ein gutes Stück Ironie aushalten können? Mag so mancher Prozess verloren sein, der Nimbus der humorlosen Markenartikler in den Medien entschädigt um ein Vielfaches die Adbuster. Hochglanz-Kampagnen Culture Jammers Headquater ist Vancouver, mit Kalle Lasn als kreativem Commander. Das offizielle Organ: www.adbuster.org, ein Netzwerk von Künstlern, Designern, Schriftstellern und anderen Intellektuellen. Mit dem Hochglanzmagazin "Adbusters" und gestylten Kampagnen gerät Lasn´s Adbusting zum kultigen Event, das dennoch nicht seine Wirkung verfehlt. Der "Buy Nothing Day" einen Tag nach Thanksgiving, dem umsatzstärksten Geschäftstag, ruft in den USA, Kanada und anderen Ländern seit zwölf Jahren zum Konsumstopp auf. Die Macht liegt in den Händen der Konsumenten, ihr Verhalten kann Unternehmen mit dubiosen Geschäftspraktiken in die Knie zwingen, Marken stark machen. Der "Buy Nothing Day" soll das Bewusstsein dafür schaffen. Eine weitere Aktion ist "unbrandAmerica". Es wird dazu aufgerufen, "Black Spots" über Logos und Werbeaussagen zu platzieren. TV-Spots und Zeitungsanzeigen, finanziert über Spenden, mahnen zur Bürgerpflicht: "July 4th. Because my country has sold its soul to corporate power. Because consumerism has become our national religion. Because we´ve forgotten the true meaning of freedom. And because patriotism now means agreeing with the president. I pledge to do my duty .. and take my country back. <unbrandamerica.org>" Noch ist vor allem eine Frage offen: Bestehen die Vereinigten Staaten von Amerika aus fünfzig Bundesstaaten oder den Top50 US-Konzernen: die Vereinigten Konzerne von Amerika? ... Straßenkampf Mut verlangt Adbusting als Freiluftübung. In Nacht und Nebelaktionen Billbords zu überkleben, Werbebotschaften in luftiger Höhe zu verändern und Reklametexte zu überpinseln, erfordert akrobatische Fähigkeiten und Sprinterqualitäten. Zur wahren Meisterschaft in dieser Disziplin hat es Ron English gebracht, dessen Markenzeichen "Joe Camel" wurde. Rund 850 Billboards hat er seit Mitte der 1980er Jahre modifiziert. Modifizierung lässt sich in etwa so verstehen: Erweitere das Aussagenspektrum einer Kampagne beispielsweise von Apple´s "Think Different"-Werbung mit Ikonen wie Gandhi, Picasso oder Miles Davis, indem du eine weitere hinzufügst: Charles Manson. (Ron English, März 1999, New York, Manhattan: East 14th Street) "The religion of our culture is commercialism but the first time I saw the `Think Different´ads it freaked me out," English said. "I couldn´t believe that those people´s images had been soild-it was like today´s revolutionary is tomorrow´s corporate shill. I thought, you want different: here you go." (Moynihan, 2001) "Culture jam", ein Begriff aus den 1990ern der Band Negativland und von Mark Dery in der New York Times salonfähig geschrieben, will die Massenmedien mit eigenen Mitteln untergraben, will durch Irritation versteckte Wahrheiten offen legen und mit Ironie kritische Distanz erzeugen, denn die alltägliche Macht der Gewohnheit an Herrschaftsverhältnisse und Machtstrukturen ist enorm. Die Ideologisierung des Kommerzes mit ihren Bildikonen bombardiert in unglaublicher Vehemenz ihre Botschaften in unsere Köpfe. Keine andere Ideologie zuvor hatte je so viele Werbezeiten und -flächen zur Verfügung: "united bullshit of advertising". Ein bisschen "Kultur-Störung" kann da nicht schaden. Kampfhandlungen im Virtuellen Das mit den Adbustern und Culture Jammern die Anti-Kommerzialisierungs-Aktivisten vorgestellt wurden, die manchmal auch mit den Globalisierungskritikern paktieren, dürfte klar sein, aber es gibt noch weitere Kriegsschauplätze und Aktivisten. Sind die TV-Sender, Zeitschriften und Billboards weitgehend in kommerzieller Hand, so bietet das Internet für die vollständige Kommerzialisierung ein weitaus schwierigeres Terrain. Der Kampf tobt hier um lukrative Domain-Namen. Der Fall eToys.com versus etoy.com ist nur eines von vielen Scharmützeln, doch hier stießen die E-Commercer auf Aktivisten, die mit den Gesetzen des Online-Dschungels bestens vertraut waren. Zu dumm, dass der Online-Spielehändler ausgerechnet kurz vor Weihnachten 1999 per Gerichtsbeschluss eine Unterlassungsklage gegen die Künstlergruppe etoy und deren Website etoy.com erwirkte. Die Kunden würden sich verstört fühlen durch die Site der Künstlergruppe. Man beachte: etoy war durch das Computerspiel "digital hijack" 1996 auf der Ars Electronica bekannt geworden. Auf ihrer Exilsite riefen sie mit "Toywar" zum Widerstand gegen die Enteignung auf, unterstützt durch die Plattform RTMark.com und andere. Zufall oder nicht, die Aktien des Online-Unternehmens fielen kurz vor Weihnachten und schon Anfang 2000 erhielt etoy die Domain zurück. "Etoy jedenfalls führt den Erfolg auch darauf zurück: "Am Montag, den 24.1.2000, lösten der Toywar-Krisenvorstand, die 1345 Toywar-Spezialagenten und Medienkämpfer einen weiteren Feuersturm aus: innerhalb von ein paar Stunden explodierten viele hundert Email-Toy-Bomben in den Gehirnen der Kunden, EShoppers, Broker und nervösen Geschäftsleute auf der ganzen Welt. Niemand wurde verletzt, aber die Botschaft machte ihre Runde und die Aktienwerte von eToys sanken am Dienstag unter ihren ursprünglichen Wert von 20 Dollar auf 19,0625 pro Wertpapier." Zu Beginn der Kampagne stand der Kurs bei noch bei 55 Dollar." (Rötzer 2000) Die Kampagne "Toywar", aber mehr das öffentliche Interesse an diesem Fall führte zum Einlenken von eToys. Das Bedenkliche an diesem Fall ist das Urteil des US-Gerichts, das später revidiert wurde. Denn die Künstlergruppe etoy war lange bevor das Unternehmen eToys existierte im Besitz der Domain. Solcher Art Enteignungen oder besser Zensuren durch das scheinheilige Vorschieben von (entmündigten) Kundeninteressen, sollte zu denken geben, ebenso der Umgang mit dem Öffentlichem Raum Internet. ... Grundsätzliche Fragen drängen sich auf: Wie können Konzerne Allgemeingut wie Farben, Buchstaben, aber auch Gene für sich beanspruchen? Wer verwaltet unser Allgemeingut? Wird es noch im Sinne der Öffentlichkeit verwaltet? Scheinbar nicht, denn sonst fänden solche Scharmützel nicht statt. Immer neue Gesetze zum Urheberschutz, Copyrightschutz, Markenschutz oder Patentschutz werden im Sinne der Kommerzialisierung erlassen. Schutz für wen? Sicher nicht für die Gesellschaft und das Allgemeinwohl. Moynihan, Colin: Introduction, in: English, Ron: Popaganda. The Art and Subversion of Ron English, 2001 Rötzer, Florian: eToys.com zieht die Klage gegen Etoy.com zurück, in: telepolis, 26.02.2000 »telepolis © Gabriele Gramelsberger, Berlin 2010 |