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Die Ambivalenz der Bilder,
in: Klaus Rehkämper/Klaus Sachs-Hombach (Hg.): Vom Realismus der Bilder. Interdisziplinäre Forschung zur Semantik bildhafter Darstellungen, Scriptum Verlag Magdeburg 2000, 55-63
von Gabriele Gramelsberger



(Textauszug)
Die Semantik bildlicher Darstellungsformen eröffnet sich in einer Weise, die sich zum einen von der semantischen Erschließung textlicher Darstellungsformen unterscheidet, zum anderen aufgrund der Verwendung gegenständlicher Darstellungsfunktionen Annahmen über die Existenz vorgeordneter Objektbereiche impliziert. Realistische Bilder, allen voran fotorealistische Bilder werden als Dokumente existenter Objekte und tatsächlicher Sachverhalte gewertet. Der Realismus der Bilder scheint sich aus der gegenständlichen Darstellungsfunktion ikonischer Mittel zur Informationsspeicherung zu ergeben und zwar mitunter so erfolgreich, daß nicht nur die Idee des Trompe-l´oeil mit unterschiedlichen Techniken immer wieder in Mode kommt, sondern daß Illusionstheorien paradigmatisch für den Umgang mit dem Bild werden konnte: Der Unterschied zwischen Wirklichkeit und Abbildung verschwindet und der Betrachter wird über den Zeichencharakter des Bildes hinweggetäuscht. Realismus pur! Doch was ist mit dem Realismus der Bilder oder der Kennzeichnung realistischen Bildern gemeint? Diese Frage stellt sich vor allem dann, wenn man sich mit Bildern beschäftigt, die keine Abbildungen sind, sondern Darstellungen parameterabhängiger Simulationen und die aufgrund ihrer Ästhetik realistische Bilder zu sein scheinen. Diese Bilder, oder besser: Visualisierungen sind in den Natur- und Ingenieurswissenschaften mittlerweile gegenwärtig und dienen als Basis theoretischer Postulate über reale Objektbereiche, auch oder vor allem dann, wenn diese Bereiche für uns uneinsichtig sind, wie dies beispielsweise für das Molecular Modelling der Fall ist. Im weiteren Verlauf werden folgende Konzepte untersucht: Erstens, woher resultiert die Rede vom Realismus der Bilder? Zweitens, wie zeigt sich die Abmivalenz des Zeichen- bzw. Objektcharakters des Bildes? Und drittens, dient der Realismus als ästhetische Kategorie zur Postulierung existenter Objekte und Sachverhalte?

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4. Diskussion
Über den Realismus der Bilder wurde bislang in einer, für philosophische Verhältnisse saloppen Weise gesprochen. Wie tückisch dieses Feld ist, hat Nelson Goodman betont (Goodman 1995, 42ff) und nicht nur er (z.B. Merleau-Ponty 1961; Gombrich 1994). Doch die Argumentation sollte auf eine Idee hinführen, die Bilder nicht als Abbildungen begreift, sondern als Interface. Offensichtlich wird dies bei den Visualisierungen, aber nicht nur hier. "Das Bild als imaginäre Projektionsfläche, selbst unsichtbar, um vermittels Durchblick Realitäten bildlich zu erfassen ..." (Boehm 1995, 18) aufzufassen ist nicht neu, aber bislang eher mit der Metapher des Fensters illustriert, durch das man blickt, als mit dem Begriff des Interface. Im Unterschied zum Fenster impliziert die Interface-Metapher ein aktives Verhältnis zwischen Mensch und Maschine, Mensch und Realität. Das grafische User-Interface (GUI) ist keine ikonische Abbildung, sondern ein visueller Interaktionszugang zur digitalen Welt und ebenso stellen dies die Visualisierungen dar. Erlauben klassische Tafelbilder lediglich das Betrachten, so fordern Interface zur Handlung auf. Realismus konstituiert sich aber nicht nur aus der Anschauung, sondern ist viel mehr handlungsorientiert. Elektronische Bilder als Interface generieren durch den interaktiven Umgang ihren eigen Realismus, indem sie manipulierbar werden. Damit geben sie eine weitere Interpretationsmöglichkeit der Rede vom Realismus der Bilder. Sie dokumentieren dessen Ambivalenz, oder besser: Mehrdeutigkeit, denn unter den Begriff des Bildes lassen sich zahlreiche, teilweise sehr unterschiedliche Bildformen subsumieren. Oder anders gesprochen: Die Rede vom Realismus ist so bunt und schillernd wie die unzähligen Bilder, die ihn in ihrer ästhetischen Verfassung wiederspiegeln.

Das Problem des Realismus der Bilder stellt sich in jenen Wissenschaftsbereichen, die mit numerischen Simulationen arbeiten. Aus wissenschaftstheoretischer Perspektive wird neben den traditionellen Methoden der Theorie und des Experiments eine neue Methode eingeführt, die ein neues Erkenntnisinstrument (Computer) und Erkenntnismedium (Visualisierung) mit sich führt. Aus philosophischer Perspektive stellt sich die Frage nach der Verwendung der Zeichen und Zeichensysteme. Die Beschreibbarkeit der Welt mit ihrem paradigmatischen Zeichensystem theoretischer Texte wird in die Berechenbarkeit der Welt und ihrem Zeichensystem der Formel überführt und nun in die Simulierbarkeit der Welt und deren Zeichensystem der Visualisierung. Der gravierende Übergang besteht in der Transformation berechneter numerischer Werte in Bilder - Bilder von Theorien. Die formalisierten und mathematisierten Theorien treten aus ihrer Abstraktheit in eine Anschaulichkeit, die ungewohnt ist. Sowohl die Simulation als Methode wie die Visualisierung als Erkenntnismedium sind kritisch zu hinterfragen, vor allem bezüglich ihres Anspruchs reale Sachverhalte wiederzugeben und als adäquate Erklärungs- und Prognoseinstrumente genutzt zu werden. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt des Forschungsinteresses, um was für Bilder bzw. Zeichen es sich hier handelt und welche Auswirkung die Simulation als neue Methode auf den wissenschaftlichen Anspruch hat?

Boehm, Gottfried: Die Bilderfrage, in: Boehm, Gottfried (Hg.): Was ist ein Bild?, München: Wilhelm Fink 1995, 325 - 343
Goodman, Nelson: Sprachen der Kunst. Entwurf einer Symboltheorie, Frankfurt/M.: Suhrkamp 1995 (Original 1968)
Gombrich, Ernst H.: Das forschende Auge, Kunstbetrachtung und Naturbetrachtung, Frankfurt/M. New York: Campus 1994 Merleau-Ponty, Maurice: Das Auge und der Geist, Hamburg: Meiner 1984 (Original 1961)


© Gabriele Gramelsberger, Berlin 2010